Krieg? Welcher Krieg?
Ich muss gestehen: Es ist immer wieder beeindruckend, wie US-Präsident Trump die Klaviatur der Märkte beherrscht. Alle Vorzeichen sprachen nach der Ankündigung einer Blockade für ein Ende des Optimismus an den Börsen. Doch das Gegenteil ist passiert. Der S&P 500 legte mehr als ein Prozent zu. Inzwischen steht er sogar höher als zu Beginn des Iran-Kriegs und auf Jahressicht im Plus. Vom Dax kann man das leider nicht behaupten (siehe Titelgrafik).
In Abwandlung des berühmten Zitats des ehemaligen US-Finanzministers John Connally zum Dollar („The dollar is our currency, but it’s your problem“) könnte man fast sagen: „Es ist unser Krieg, aber euer Problem“. Natürlich ärgern sich auch die Amerikaner über hohe Benzinpreise. Aber immerhin steigen die Kurse. Damit kann Trump das Narrativ aufrechterhalten, dass seine Präsidentschaft gut für die Börsen ist.
Steigende Kurse sind auch für die US-Wirtschaft nicht ganz unwichtig. Denn sie haben in den vergangenen Jahren bei einem Teil der Amerikaner zu einem beträchtlichen Vermögenszuwachs geführt. Damit stützen sie über ihren Konsum die US-Wirtschaft.

Die Logik hinter den jüngsten Kursanstiegen ist nicht ganz einfach zu verstehen. Am besten hat es für mich Alexander Altmann von Barclays erklärt:
„Der vom Markt wahrgenommene Status quo für den täglichen Verlauf des Konflikts lautet: ‚Je länger sich das hinzieht, desto höher steigen die Ölpreise und desto schlechter steht es um die Risikostimmung.‘ Heute erleben wir jedoch das genaue Gegenteil. Die vom US-Präsidenten ausgespielte ‚Reverse-UNO-Karte‘ führt dazu, dass es für die Risikobereitschaft umso positiver ist, je länger der Iran NICHT mit Vergeltung reagiert, weil dies implizieren würde, dass sich beide Parteien einer für beide Seiten akzeptablen Lösung annähern.“
Die Entscheidung der USA, die Straße von Hormus für iranische Schiffe zu blockieren, wird von vielen Anlegern als gezielte Maßnahme verstanden, um iranische Öleinnahmen zu begrenzen, während gleichzeitig der Weg für eine sicherere Passage des übrigen Schiffverkehrs bereitet wird. Die Präsenz der US‑amerikanischen Marine in der Nähe der Straße von Hormus stützt die Hoffnung, dass der Transport von Öl und Gas durch die Meerenge bald wieder aufgenommen werden kann.