Wie mich 96 Meilen durch die Highlands Dankbarkeit lehrten
West Highland Way: Seit mehr als 25 Jahren geistern diese drei Wörter durch meinen Kopf. Es war um die Jahrtausendwende, als ich zum ersten Mal von diesem Wanderweg durch die schottischen Highlands hörte: 96 Meilen von Milngavie (bei Glasgow) nach Fort William.
Damals war ich in Schottland für meinen Zivildienst und lebte in der Nähe von Aberdeen als Co-Worker in einer Dorfgemeinschaft für geistig behinderte Menschen. An meinen freien Wochenenden fuhr ich mit anderen Co-Workern immer wieder in die Highlands zum Wandern. Ich war jedes Mal begeistert von der Natur und der besonderen Atmosphäre, die in den schottischen Bergen herrschte. Damals entstand der Wunsch, einmal für mehrere Tage durch diese Landschaft zu wandern.

Nach vielen, vielen Jahren passte Ende Mai dann endlich einmal alles. Seit ein paar Tagen bin ich zurück. Vieles war dann doch ein bisschen anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Der Weg bot zwar wie erhofft immer wieder großartige Panoramen. Wer aber Ruhe und Einsamkeit sucht, ist auf dem West Highland Way falsch. Zum einen führt der Weg über weite Strecken in Sichtweite einer gut befahrenen Straße. Zum anderen ist er längst kein Geheimtipp mehr. Es ist einiges los. Sogar aus den USA oder Australien reisen Leute an, um diesen Weg zu laufen. Es war schon fast eine kleine Karawane, die jeden Tag von Etappe zu Etappe zog.
Ein Gefühl der Dankbarkeit
Ich hatte ja vor meiner Abreise angekündigt, von meiner Wanderung zu berichten. Ich bin allerdings nicht – wie es so gerne in Büchern oder Filmen dargestellt wird – mit großartigen Erkenntnissen übers Leben zurückgekehrt, die ich teilen könnte. Mir wurden im Trott der Wandertage keine tieferen Weisheiten offenbar.
Aber eine Sache gibt es, die ich mit dir teilen möchte: Ich erlebte immer wieder ein besonderes Gefühl. Das Gefühl war Dankbarkeit.
Dankbarkeit einmal meinem Körper gegenüber. Zwanzig Kilometer und mehr trug er mich an manchen Tagen. Mit schmerzenden Beinen kam ich am Ziel an und konnte kaum noch einen Schritt vor den anderen setzen. Aufstehen war eine Qual. Doch am nächsten Morgen konnte es weitergehen. Der Körper hatte sich über Nacht weitestgehend regeneriert und war bereit für die nächste Etappe. Und schon nach vier, fünf Tagen stellte auch die Etappenlänge kein größeres Problem mehr dar. Der Körper hatte sich angepasst.
Unser Körper ist einfach eine unglaubliche Maschine. Er kann so viel mehr als nur am Schreibtisch sitzen. Mir wurde auf der Wanderung klar, wie oft ich ihn für selbstverständlich nehme und leider sogar häufig vernachlässige, wenn ich an mein Essen in der ein oder anderen Mittagspause denke. Dabei hat er so viel mehr Aufmerksamkeit und mehr Pflege verdient, um sein Potenzial möglichst lange zu erhalten. Ich hatte dazu mal ein schönes Zitat gelesen:
„Behandle Deinen Körper wie ein Haus, in dem Du für die nächsten 80 Jahre leben willst.“
Die Wanderung hat mir das wieder klargemacht.
Über was man nicht spricht, kann man nicht nachdenken
Das Gefühl der Dankbarkeit bezog sich aber nicht nur auf meinen Körper. Es galt auch meiner Frau, die mit mir auf die Wanderung kam. Sie wandert zwar auch gerne, ist aber eigentlich kein Fan von solchen Touren, um ehrlich zu sein. Und wenn die Wetteraussichten nicht gut sind und es regnen kann, was in Schottland durchaus der Fall ist, erst recht nicht. Aber sie ließ sich auf die Wanderung ein. Sie akzeptierte steile Anstiege, Mehrbettzimmer und trübe Tage, damit ich mir meinen Traum erfüllen konnte.
Es ist einfach so wichtig, einen Partner oder eine Partnerin zu haben, mit dem man über alles reden kann. Selbst Dinge, die unmöglich oder unwahrscheinlich erscheinen, können dann möglich werden. Ich glaube, es gibt kaum ein bittereres Gespräch als das:
„Ich wollte ja immer gerne [Wunsch] machen.“
„Ich auch! Warum hast Du nie etwas gesagt?“
„Ich dachte, Du willst eh nicht.“
Mein Appell an dich wäre daher: Wenn du einen langgehegten Wunsch hast, sprich ihn an. Worüber man nicht spricht, darüber kann man nicht nachdenken. Und mit etwas Nachdenken fällt einem dann auch vielleicht eine gute Lösung ein. Wie vor Kurzem geschrieben: Für jedes Problem gibt es sieben Lösungen.
Nicht zuletzt bin ich auch dir dankbar. Das Angebot bei „Money + Mind“ war zwei Wochen lang deutlich dünner als gewohnt. Du bist dabeigeblieben und hast nicht gekündigt. Vielen Dank dafür!