Wenn Trump will, ist alles morgen vorbei
Die US-Börsen haben überraschend gelassen auf die Angriffe auf den Iran reagiert. S&P 500 und Nasdaq schlossen sogar im Plus. Aber die Nervosität steigt. Zwar wurden Irans religiöser Führer Ali Chamenei und viele weitere hochrangige Staatsvertreter bei den Angriffen getötet. Die Situation wurde dadurch aber eher gefährlicher.
Mit dem Rücken zur Wand ist das Regime unberechenbar geworden. Es überzieht offenbar planlos die gesamte Region mit Angriffen. Bislang sind Förderanlagen und Raffinerien der Ölindustrie nur wenig betroffen. Aber das kann sich jederzeit ändern. Wer sich die Karte anschaut, sieht, dass es genügend lohnenswerte Ziele in Reichweite von Irans Raketen gibt. Je verzweifelter das Regime seine Lage einschätzt, desto größer wird die Gefahr.

Das Gleiche gilt natürlich auch für die Straße von Hormus. Bislang beschränkt sich der Iran auf Drohungen und Warnungen. Offenbar passierten sogar einige chinesische Tanker die Meerenge, wie Bloomberg berichtet. Jedoch wächst auch hier die Gefahr, dass das iranische Regime zum letzten Mittel greift und Tanker attackiert. Das würde zwar auch die eigenen Einnahmen treffen, wer aber nichts zu verlieren hat, den stört das nicht.
Sichtbar wird die veränderte Risikoeinschätzung der Märkte beim Ölpreis. Er stieg wieder über die Marke von 80 Dollar je Barrel. An Asiens Börsen gab es deutliche Verluste. Der südkoreanische Kospi verlor mehr als sieben Prozent, der japanische Nikkei über drei Prozent. Nun darf man dabei nicht vergessen: Der Kospi hat sich in den letzten zwölf Monaten mehr als verdoppelt. Bei dieser hohen Bewertung ist er anfällig für Korrekturen. Nichtsdestotrotz ist ein Minus von über sieben Prozent heftig.
Der Dax steht ebenfalls vor einem weiteren Verlusttag. Eine breitere Streuung des Portfolios mag geholfen haben, das eigene Vermögen gegen Verluste zu schützen, die aus der KI-Angst entstanden sind. Gegen die Auswirkungen des Iran-Kriegs am Aktienmarkt hilft eine breite Streuung jedoch wenig. Ob asiatische, europäische oder amerikanische Titel: Das Risiko in Aktien wird pauschal und global reduziert. Der Irankrieg wirkt wie ein globaler Risiko-Reset an den Finanzmärkten.

Der Bitcoin hält sich dagegen überraschenderweise noch relativ gut. Er bewegt sich im Bereich von 68.000 Dollar und damit ungefähr auf dem Niveau von Anfang Februar. Gestern ging es teilweise knapp sechs Prozent nach oben.
Auch wenn die Nervosität gerade steigt: Mein Basisszenario bleibt, dass der Krieg die Aktienmärkte nicht komplett in die Tiefe reißen wird. Der Irak-Krieg von 1990 wird sich nicht wiederholen, als der S&P 500 knapp 20 Prozent verlor.
Trump wird sehr genau die Stimmung unter den Wählern im Blick haben. Jüngste Umfragen zeigen, dass die Angriffe gegen den Iran nicht sonderlich populär sind. Nur knapp 27 Prozent der Amerikaner unterstützen sie, rund 43 Prozent sind dagegen. Die Ablehnung dürfte weiter steigen, wenn ein hoher Ölpreis das Leben noch teurer macht, als es bisher schon ist. „Affordability“ ist gerade ein großes Thema in den USA.
Trumps Vorteil: Er könnte theoretisch jederzeit die Angriffe beenden. Niemandem ist wirklich klar, was er eigentlich will. Seine Aussagen zu den Kriegszielen sind schwammig und ändern sich andauernd.

Schon nächste Woche könnte Trump sagen, dass der Iran entscheidend geschwächt ist und Amerika und die Welt nun sicherer sind. Mit Chameneis Tod kann er einen Erfolg vorweisen. Ein bekanntes Muster würde sich damit wiederholen. Große Ankündigungen und ein großspuriger Verkauf selbst magerer Ergebnisse sind bei Trump nichts Neues, wie Anfang des Jahres auch der Konflikt um Grönland gezeigt hat.
Wer gerade trotzdem nervös wird: Einfach mal den Zeitraum des Aktiencharts vergrößern. Der Dax liegt nach seinen Verlusten ungefähr auf dem Niveau von Jahresanfang. Auf Sicht von zwölf Monaten ist er immer noch fast fünf Prozent im Plus.