Wann der Ölpreis gefährlich wird
Das große Risiko für die Weltwirtschaft vom Angriff der USA und Israels auf die Iran vom Öl-Preis aus. Es besteht die Gefahr, dass der Iran die Straße von Hormus unpassierbar macht. Da 20 Prozent des weltweiten Ölproduktion durch diese Meerenge im Persischen Golf transportiert werden, würde eine solche Blockade die Versorgung empfindlich treffen.
Der Öl-Markt ist entsprechend nervös. Am Wochenende stieg der Ölpreis als Reaktion auf den Militärschlag bis knapp 84 Dollar je Barrel. Am Montag fiel der Preis dann wieder unter die Marke von 80 Dollar. Er liegt aber immer noch zehn Prozent höher als vor einer Woche und fast 20 Prozent über dem Preis von Anfang Februar.

Kurzzeitige Preissprünge dürften jedoch nur wenig Folgen für Inflation und Weltwirtschaft haben. Schwankungen gehören beim Öl-Preis dazu. Einen temporären Preisanstieg dürfte die Wirtschaft verkraften. Auch beim Zwölf-Tage-Krieg Israels gegen den Iran stieg der Ölpreis bis in die Region von 80 Dollar. Nach Ende der Angriffe fiel er rasch wieder auf das alte Niveau.

Deutlich drastischer sind die Folgen, wenn es tatsächlich zu einer Eskalation kommt und der Iran die Straße von Hormus für längere Zeit unpassierbar macht. Der Öl-Preis könnte dann nach Schätzungen bis auf 100 oder sogar 120 Dollar steigen. Ein Preisniveau in dieser Höhe über mehrere Monate wäre gravierend.
Die Berenberg Bank kalkuliert, dass bei einem Ölpreis um 100 Dollar über Monate die Euroraum-Inflation von aktuell ca. 1,7 Prozent Richtung 2,5 bis 3,0 Prozent klettern würde. Die Experten gehen davon aus, dass ein zehnprozentiger Ölpreisanstieg mit etwa 0,2 Prozentpunkte mehr Inflation einhergeht. Zudem würde das BIP-Wachstum um 0,2 bis 0,5 Prozentpunkte geringer ausfallen. Da die Wirtschaftsaussichten ohnehin eingetrübt eher sind, wäre das ein schmerzhafter Rückgang. Eine Rezession würde jedoch vermieden werden. Die Commerzbank kommt in einer Analyse zu einem ähnlichen Ergebnis.
Ein Beispiel dafür ist der Golfkrieg im Jahr 1990: Der Ölpreis, der im Jahr 1990 bis zu dem Überfall des Iraks auf Kuweit Anfang August im Durchschnitt bei 18 Dollar lag, stieg sprunghaft bis auf 36 Dollar an. In den USA begann eine Rezession, und der S&P 500 gab von 369 Mitte Juli auf 295 nach. Das ist ein Minus von knapp 20 Prozent. Die USA rutschten in die Rezession. Während sich die Rezession noch bis in den April 1991 hinzog, fand der Aktienmarkt im Oktober 1990 seinen Tiefststand und übertraf das Vorkriegsniveau im Februar 1991.

Frank Kelly, Gründer und Managing Partner von Fulcrum Macro Advisors LLC, weist darauf hin, dass er neben einer möglichen Schließung der Straße von Hormus auch genau beobachtet, ob kritische Ölinfrastruktur im Golf angegriffen wird, was „für die Ölexporte der Golfstaaten ebenso oder sogar noch stärker disruptiv sein könnte“.
Darwei Kung, Head of Commodities bei DWS, merkt jedoch an: „Die USA haben ein starkes Interesse daran gezeigt, die Ölproduktion aufrechtzuerhalten. Während des Golfkriegs 1990/91 haben US‑ und verbündete Streitkräfte große Anstrengungen unternommen, um Ölfelder mit Bodentruppen zu schützen. Auch in jüngeren Konflikten haben die USA und Israel klar signalisiert, dass sie die Zerstörung der Ölinfrastruktur sowohl im Iran als auch in Venezuela vermeiden wollen. Der Iran könnte versuchen, die Ölproduktion zu stören, und wir würden erwarten, dass die USA mit voller Kraft eingreifen, um die Ölinfrastruktur zu schützen.”