Vermögen ist mehr als Reichtum
Wir könnten uns viel Unglück ersparen, wenn wir uns auf die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Vermögen“ zurückbesinnen würden. Denn eigentlich hat Vermögen gar nichts mit Geld oder Besitz zu tun. Der Ursprung liegt im althochdeutschen Verb „faramagan“ (ca. 8. Jahrhundert) und dem mittelhochdeutschen „vermügen“.
„Mögen“ bedeutete ursprünglich nicht „etwas gernhaben“, sondern „können“ oder „stark sein“ (verwandt mit dem Wort Macht). Die Vorsilbe „ver-“ diente hier als Verstärkung. „Vermögen“ hieß also schlichtweg: „etwas tun können“ oder „über die Kraft zu etwas verfügen“. Interessanterweise spiegelt sich das heute noch in der Rechtssprache oder gehobenen Sprache wider, wenn wir sagen: „Ich vermag das nicht zu beurteilen“ (ich bin nicht dazu in der Lage).
Ein folgenschwerer Bedeutungswandel
Erst im 15. und 16. Jahrhundert änderte sich die Bedeutung des Wortes. Es wurde spezifischer für die finanzielle Leistungsfähigkeit verwendet. Aus einer persönlichen Fähigkeit wurde eine Bilanzposition. Wenn wir heute von Vermögen oder Vermögensaufbau reden, geht es eigentlich nur noch von materiellen Dingen. Es geht um Einkommen, Sparen, Investieren, Aktien, Immobilien und darum, dass die Summe am Ende der Liste möglichst steigt.
Wir haben praktisch komplett vergessen, dass Vermögen ursprünglich mehr als nur Geld und Reichtum war. Um glücklich und selbstbestimmt zu leben, müssen wir das aber wieder verinnerlichen. Es geht nicht nur um „haben“, es geht auch um „können“. Wir brauchen neben dem materiellen auch immaterielles Vermögen.
Dazu gehören:
- Zeit-Vermögen: Die Souveränität über den eigenen Kalender. Es ist die Freiheit, den Tag nicht als Sklave von Terminen zu beginnen, sondern die Muße zu besitzen, den eigenen Impulsen zu folgen. Wenn man nicht über seine Zeit vermag, spielt die Höhe Kontostands eigentlich keine Rolle. Man ist nicht reich, sondern nur ein gut bezahlter Gefangener.
- Sozial-Vermögen: Die Tiefe und Verlässlichkeit unserer Bindungen. Finanzieller Erfolg ist oft eine einsame Angelegenheit, wenn er auf Kosten von Beziehungen geht. Sozial-Vermögen ist die Qualität unsers Umfelds. Es ist das Wissen, dass Menschen einen nicht wegen des Geldes brauchen, sondern wegen der Anwesenheit.
- Gesundheits-Vermögen: Das Fundament unserer Handlungsfähigkeit. Es ist die körperliche und geistige Vitalität, die uns erst in die Lage versetzt, die Welt zu erkunden. Ein hohes Gesundheits-Vermögen bedeutet, dass der eigene Körper kein Hindernis, sondern das Vehikel für unsere Träume ist.
Wer das verinnerlicht hat, kann wichtige Entscheidungen anders beurteilen. Der neue Job erhöht vielleicht mein Finanz-Vermögen – aber was ist mit den anderen Bestandteilen? Wie beeinflusst er mein Zeit-Vermögen und mein Sozial-Vermögen, ja vielleicht sogar mein Gesundheits-Vermögen?
Womöglich bin ich am Ende ärmer, auch wenn ich mehr Finanz-Vermögen habe. Ich muss länger arbeiten oder habe eine längere Anfahrt. Darunter leiden meine Zeit und meine sozialen Kontakte. Weil der Job so stressig ist, bin ich häufiger krank. Mein Gesundheits-Vermögen schrumpft.
Oder andersherum: Die drei Monate Auszeit schmälern mein Finanz-Vermögen. Aber ich habe mehr Zeit für schöne Dinge und kann mich endlich einmal richtig erholen. Das Gesamtvermögen steigt trotz der finanziellen Einbußen.
Um es an einem Beispiel zu verdeutlichen: Zur Auswahl stehen zwei Jobs. Der eine bietet ein Jahreseinkommen von 60.000 Euro, die Wochenarbeitszeit liegt bei 45 Stunden. Der andere Job bringt nur 50.000 Euro ein, allerdings ist die wöchentliche Arbeitszeit mit 35 Stunden deutlich niedriger. Entscheide ich mich diesen Job, kostet mich die Wahl finanziell betrachtet 10.000 Euro pro Jahr oder– angenommen, ich investiere das Geld über 30 Jahre mit einer Rendite von acht Prozent– sogar eine Million Euro. Auf der anderen Seite habe ich durch die geringere Arbeitszeit im Jahr 500 Stunden mehr freie Zeit, hochgerechnet auf 30 Jahre sind das 15.000 Stunden. Das entspricht fast zwei Jahren, die ich nicht im Büro sein muss, sondern andere Dinge mit Freunden oder Familie tun kann.
Das große Problem ist natürlich, dass man nur schwer eine Zahl an die Vermögensarten abseits des Geldes setzen kann. Wie gebe ich der Zeit oder den Kontakten einen Wert? Das bedeutet aber nicht, dass diese Vermögen nicht existieren.
Überlege einmal: Was hättest du lieber?
- Ein Vermögen von 500.000 Euro und schmerzende Knie? Oder 200.000 Euro Vermögen und Knie, die jede Jogging-Runde und Bergtour mitmachen?
- Ein Vermögen von einer Million Euro und einen Zwölf-Stunden-Arbeitstag? Oder 300.000 Euro und dafür freie Abende für Familie und Freunde?
Das Finanz-Vermögen mag im ersten Fall jeweils höher sein. Das Gesamtvermögen ist es nicht. Manchmal sind wir reicher, gerade weil wir finanziell „ärmer“ sind.