Und plötzlich ist alles anders

Und plötzlich ist alles anders
Erwartungen an die Entwicklung des Fed-Leitzins. Aktuell liegt er bei 3,50 bis 3,75 Prozent. Quelle: Bloomberg

Beim Blick auf die Börse fühle ich mich gerade an den Song „Yesterday“ von den Beatles erinnert: „Yesterday / All my troubles seemed so far away … Suddenly / … / There’s a shadow hanging over me“. „Yesterday“, das war in diesem Fall der Tag vor den US-Jobzahlen. Die Börse hatte sich eingerichtet in ihrer KI-Euphorie. Rekordhoch folgte auf Rekordhoch.

Dann kamen die überraschend starken Arbeitsmarktzahlen und nun hängt „ein Schatten“ über der Börse. Der Schatten ist die Sorge vor einer restriktiveren Geldpolitik der US-Notenbank Fed. Die Folge war ein Kursrückgang vor allem bei Tech-Aktien, wie wir ihn schon lange nicht mehr gesehen haben. Über vier Prozent ging es an der Nasdaq nach unten. Besonders die Gewinner der vergangenen Tage wurden abverkauft. Zu sehen ist das am S&P-500-Momentum-Index, der heftig verlor.

Offenbar brauchte es diesen Weckruf für die Anleger, um einmal nach rechts und links zu schauen.

Denn ehrlicherweise: Überraschend kommt das alles nicht. Schon vor dem Arbeitsmarktbericht hatten sich die Märkte auf Zinserhöhungen eingestellt. Der Wechsel der Erwartungen seit Anfang des Jahres war deutlich stärker als die Veränderungen nach Veröffentlichung des Jobberichts (Titelgrafik, rote Linie) ohne dass die Kurse darunter gelitten hätten.

Auch die Anleihenmärkte signalisierten mit steigenden Renditen, dass sie eine restriktivere Geldpolitik erwarten, genauso wie es der fallende Goldpreis tat. Hier sehen wir wieder eine Rückkehr zu den alten Mustern. In den letzten Jahren hatte sich der Goldpreis von der Zinsentwicklung entkoppelt. Jetzt reagiert er wieder auf die Zinsen. Über acht Prozent hat Gold in den vergangenen vier Wochen verloren.

Sind die Verluste am Aktienmarkt vom Freitag nur der Anfang? Kommt jetzt der Crash, vor dem schon so lange gewarnt wird? Rational betrachtet sind die Verluste aus meiner Sicht nur eine fällige Korrektur. Für Panik sehe ich keinen Grund. Gerade die Aktien von Chipherstellern waren in den vergangenen Wochen absurd stark gelaufen. Der Kurs von Micron zum Beispiel war seit Anfang des Jahres um über 200 Prozent gestiegen. Dass so eine Entwicklung nicht ewig so weitergehen kann, ist relativ klar. Am Freitag verlor Micron knapp 13 Prozent.

Auch diese Grafik der Deutschen Bank zeigt, mit was für einer Ausnahmesituation wir es bei US-Aktien zuletzt zu tun hatten. Nur viermal seit dem Zweiten Weltkrieg gab es in zwei Monaten einen solchen Anstieg.

Für eine Korrektur spricht auch, dass wir am Freitag keinen blinden Ausverkauf sahen. Im breiten Aktienmarkt hielten sich die Verluste in Grenzen. Während der nach Börsenwert gewichtete S&P 500 fast drei Prozent verlor, gab der gleichgewichtete S&P 500 überschaubare ein Prozent ab. Die Subindizes Health Care und Financials legten sogar zu. Bisher scheint der Abverkauf also vor allem heißgelaufene Tech-Aktien zu treffen.

Die nächsten Tage dürften aber unruhig bleiben. Die Börse muss die Arbeitsmarktdaten erst einmal verdauen. Für neue Unsicherheit dürfte der steigende Ölpreis sorgen. Er steht wieder bei knapp 100 Dollar. Bisher ignorierte der Aktienmarkt die Entwicklung. Mit dem neuen Blick auf die Geldpolitik der Fed könnte sie nun die Ängste vor steigenden Zinsen verschärfen.

Viel wird jetzt darauf ankommen, ob der Rücksetzer Schnäppchenjäger anlockt. Zuletzt hatten sie immer wieder die Chance genutzt und damit längere Korrekturen verhindert. Auch die Fed-Sitzung nächste Woche wird große Bedeutung haben. Es ist das erste Zusammentreffen der US-Notenbanker unter dem Vorsitz von Kevin Warsh. Kann er den Anlegern die Ängste vor einer restriktiveren Geldpolitik nehmen, dürfte das die Stimmung an den Märkten erheblich verbessern. US-Präsident Trump hat gegenüber dem Sender NBC schon seine Erwartungen deutlich gemacht und eine Zinssenkung gefordert.

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