Öl-Preis steigt: Droht ein Inflationsschock wie 2022?

Öl-Preis steigt: Droht ein Inflationsschock wie 2022?

Seit dem Angriff der USA und Israels auf den Iran sind die Energiepreise kräftig gestiegen. Als Folge stieg die Inflationsrate im Euroraum im März deutlich an. Bei vielen weckt dies Erinnerungen an die Jahre 2021 und 2022, als wegen deutlich steigender Energiepreise die Inflationsrate nach oben sprang. Ende 2022 war die Inflationsrate kurze Zeit sogar zweistellig. Auf diesen Inflationsschub reagierte die EZB ab Mitte 2022 mit kräftigen Zinserhöhungen. Wie groß ist das Risiko, dass sich diese Entwicklung wiederholt?

Die klarste Parallele: Energie deutlich teurer

 Der starke Anstieg der Energiepreise ist die stärkste Parallele zur damaligen Entwicklung. Dabei erfolgte ein beträchtlicher Teil des Anstiegs bereits im Jahr 2021, also vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine. Denn eine sich nach dem Corona-Einbruch erholende Nachfrage nach Energieträgern traf auf ein immer noch eingeschränktes Angebot. Hinzu kamen erste Einschränkungen bei den Gas-Lieferungen aus Russland. Mit dem sich immer stärker abzeichnenden Angriff Russlands zogen insbesondere die Preise für Erdgas noch einmal deutlich an.

Bisher blieb insbesondere der Anstieg der Gaspreise noch deutlich hinter dem damaligen zurück (Chart 1), was sich aber in den kommenden Monaten abhängig von der Entwicklung des Krieges und der Lage an der Straße von Hormus ändern kann.

Mögliche Parallelen: Höhere Nahrungsmittelpreise

 Spätestens ab Ende 2021 zogen damals auch die Nahrungsmittelpreise deutlich an. Verantwortlich hierfür waren zum einen die höheren Energiepreise. Zum anderen ließ der Ukraine-Krieg Sorgen aufkeimen, dass Getreide-Lieferungen aus Russland und insbesondere aus der Ukraine ausfallen könnten, die wichtige Lieferanten für den Weltmarkt waren.

 Auch dieses Mal werden sich die höheren Energiepreise bei den Nahrungsmittelpreisen bemerkbar machen. Allerdings droht anders als vor vier Jahren nicht der generelle Ausfall eines wichtigen Lieferanten.

 Zwar dürfte Dünger sicherlich teurer werden. Ernteausfälle wegen fehlenden Düngers, die die Preise zusätzlich nach oben treiben könnten, sollte es aber nicht geben. Somit dürften die Nahrungsmittelpreise in den kommenden Monaten bei weitem nicht so stark steigen wie vor vier Jahren.

 Es gibt auch wieder Probleme in den Lieferketten

 Ein wichtiger Treiber der Preise waren 2022 die Probleme in den Lieferketten, die Vorprodukte teurer und rarer machten und damit Endprodukte verteuerten. Auch jetzt gibt es erste Berichte über Produktionsausfälle in Asien. Allerdings dürften diese Produktionsrückgänge bei weitem nicht so einschneidend werden wie 2021 während der verschiedenen Lockdowns in China. Damals berichteten im Hochpunkt mehr als die Hälfte der Industrieunternehmen, dass ein Mangel an Vorprodukten ihre Produktion behindern würde.

Deutliche Unterschiede zum letzten Inflationsschock

 Einige Faktoren, die damals spürbar zum starken Preisanstieg beigetragen haben, sind dieses Mal überhaupt nicht gegeben. Es gibt deutlich Unterschiede, wie die Tabelle zeigt:

Fazit: Höhere Inflation: ja, Wiederholung von 2022: wohl nicht

Alles in allem dürfte die Inflationsrate in den kommenden Monaten eher noch zulegen, wenn ein längerer Krieg die Energiepreise weiter steigen lässt und die höheren Gaspreise nach und nach bei den privaten Haushalten ankommen. Auch bei Nahrungsmittel könnte die Teuerung mittelfristig wieder anziehen.

Allerdings dürfte der Schub bei den Energiepreisen nicht ganz so stark sein wie 2021 und 2022, und einige der damaligen preistreibenden Faktoren dürften entweder in deutlich geringerem Umfang (Lieferkettenprobleme und Knappheit von Nahrungsmitteln) oder gar nicht vorliegen (Verschiebung der Nachfrage zu Waren und explodierende Frachtraten). Folglich dürfte die Inflationsrate auch bei einem längeren Krieg bei weitem nicht so stark zulegen wie vor vier Jahren. Die Commerzbank rechnet zum Beispiel nicht wie damals in der Spitze mit zweistelligen Werten, sondern mit Inflationsraten von gut drei Prozent, bei einer weiteren Eskalation des Krieges könnten auch vier Prozent erreicht werden.

EZB greift wohl nur bei weiterer Eskalation ein

Angesichts der deutlich gestiegenen Öl-und Gaspreise hat in der EZB offensichtlich die Diskussion begonnen, wie die Notenbank hierauf reagieren soll. Eines ist dabei wohl sicher: Dieses Mal wird die Notenbank ihre Zinsen anders als damals nicht erst erhöhen, wenn die Inflationsrate auf acht Prozent gestiegen ist. Trotzdem wird die EZB wohl ersteinmal abwarten. Auch bei einer Inflationsrate von drei Prozent wird sie wohl eher auf den temporären Charakter des stärkeren Preisanstiegs verweisen. Bei Inflationsraten von vier Prozent infolge einer weiteren Eskalation des Krieges dürfte sie aber handeln, da dann erhebliche Zweitrundeneffekte drohen würden.

Jetzt kostenlos testen