Manchmal ist Börse ganz einfach (das macht es gefährlich)

Manchmal ist Börse ganz einfach (das macht es gefährlich)

Die Entwicklung an den Börsen ist gerade einfach zu beschreiben: Die Kurse steigen, weil sie steigen. Momentum ist gerade der große Treiber, Quality als Faktor spielt hingegen keine große Rolle (siehe Grafik). Die Schlussfolgerung daraus ist simpel: Dabei sein ist alles, selbst wenn man ein komisches Gefühl hat (doch dazu später mehr).

Zugegeben: Der Kursanstieg ist nicht ganz unbegründet. Der starke erste Eindruck der US-Berichtssaison für das erste Quartal 2026 bestätigt sich, nun, da bereits etwa zwei Drittel der Unternehmensberichte des S&P 500 vorliegen. Es zeichnet sich gegenüber dem Vorjahr ein Gewinnwachstum von beachtlichen 28 Prozent ab. Zwar ist dieser Wert durch Sondereffekte einzelner Großkonzerne nach oben verzerrt, doch mit 83 Prozent übertroffenen Analystenschätzungen ist auch die Ergebnisbreite klar positiv.

Die Ölpreise spielten in der Berichtssaison bislang nur eine untergeordnete Rolle. Trotz zunehmender Risikohinweise der Unternehmen blieben konkrete Anpassungen der Ausblicke weitgehend aus. Dies dürfte daran liegen, dass Energiekosten für die meisten Firmen nur einen geringen Anteil der Gesamtkosten ausmachen und Konsumschwächen sich üblicherweise erst mit einer Verzögerung von wenigen Quartalen bemerkbar machen.

Die erneut höher als erwartet ausgefallenen Investitionsausgaben der großen Technologiekonzerne für Künstliche Intelligenz wurden an den Börsen gemischt aufgenommen. Unbestritten ist jedoch, dass der Investitionsboom anhält. Das Investitionswachstum der Unternehmen im S&P 500 gegenüber dem Vorjahr dürfte im ersten Quartal so hoch sein wie seit 2001 nicht mehr. Insgesamt unterstützt die Berichtssaison die jüngste US-Aktienrally.

Doch nun zu dem mulmigen Gefühl: Zwar melden die Unternehmen starke Zahlen, auf der anderen Seite ziehen dunkle Wolken über der Wirtschaft auf. Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass der Iran-Krieg hier keine Spuren hinterlässt. Die Berenberg Bank etwa hat ihre Prognosen fürs Wachstum deutlich gesenkt und für die Inflation im Gegenzug erhöht. Je länger der Konflikt dauert, desto gravierender die Folgen. Der Base-Case ist dabei bereits überholt. Er spiegelte wider, dass die Straße von Hormus bis Ende April geschlossen bleibt und der Ölpreis von 100 Dollar auf 75 Dollar bis Dezember fällt. Aktuell liegt der Ölpreis deutlich über dieser Marke und für Dezember wird ein Preis von knapp 90 Dollar gehandelt. Im Bad Case hingegen liegt der Ölpreis bei 120 Dollar für sechs Monate.

Beunruhigend sind auch wichtige Frühindikatoren. Das Ifo-Geschäftsklima ist eingebrochen und auch aus den USA kommen trübe Zahlen. Mit einem Stand von 53,6 Punkten notiert der am Dienstag veröffentlichte ISM-Dienstleistungsindex zwar weiterhin oberhalb der Expansionsschwelle von 50 Punkten, verfehlte die Markterwartungen jedoch knapp um 0,1 Punkte.

Während der Index somit noch solides Wachstum suggeriert, bereitet der Blick auf die Details Sorgen. Die Auftragseingänge erlebten einen der heftigsten Rückgänge der letzten 15 Jahre. Sie stehen mit 53,5 Punkten zwar ebenfalls noch im expansiven Bereich, das negative Momentum verheißt jedoch wenig Gutes für die zukünftige Entwicklung.

Parallel dazu verharrt der Preisdruck bei 70,7 Punkten auf einem extrem hohen Niveau. Zwischen weiter hohen Preisen im Service-Sektor und Benzinpreisen von über fünf Dollar pro Gallone in manchen Regionen geht dem US-Konsumenten die Puste aus. Benzin ist in den USA der ultimative Sentiment-Killer. Wenn das Volltanken zur finanziellen Herausforderung wird, bleibt für andere Dienstleistungen schlicht kein Geld mehr übrig.

Bisher zeigt sich der Markt von diesen Rissen im Fundament unbeeindruckt. Die Logik der Anleger ist simpel: Bleiben die Preise stabil und kühlt die Wirtschaft ab, sinkt die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung durch die Fed. Gleichzeitig ist dies keine Entwicklung, welche sich negativ auf den Optimismus rund um KI auswirkt. Das sorgt für Erleichterung an den Börsen.

Doch diese Sichtweise birgt Risiken. Ein nachlassendes Wachstum ist nur so lange eine gute Nachricht, wie es nicht in eine handfeste Krise umschlägt. Wenn die Konsumschwäche die Investitionspläne von Unternehmen beeinflusst, wird der Markt zwangsläufig auch die Rentabilität der hohen Investitionen in KI in Frage stellen. Die Divergenz zwischen dem Optimismus an der Wall Street und der Realität an der Zapfsäule würde dann immer schwerer zu ignorieren sein.

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