Kein Grund zur Sorge, aber...
Es fällt immer etwas schwer, in der hektischen Nachrichtenlandschaft nicht den Blick fürs Ganze zu verlieren. Liest man die Meldungen, könnte man meinen, die (Börsen-)Welt geht gleich unter. Alphabet verliert nach den Quartalszahlen heftig, genauso wie Tesla. In Korea fallen heute die Aktien von SK Hynix um knapp zwölf Prozent und der gesamte Kospi gleich mit: minus acht Prozent. Und das nach einem Vortagsverlust von elf Prozent. Der Nasdaq steht bei einem Monatsminus von fast sieben Prozent.
Allerdings – und das meinte ich damit, den Blick fürs Ganze nicht zu verlieren: Es sind vor allem die Tech- und Halbleiterwerte, die gerade verlieren. Der Gesamtmarkt steht deutlich besser da. Der S&P 500 Equal Weight hat in den vergangenen fünf Tagen knapp 2,7 Prozent gewonnen und liegt auf Rekordniveau. Das Plus beim Dax bewegt sich für diesen Zeitraum in einer ähnlichen Größenordnung. Eigentlich besteht also kein Grund, nervös zu sein – wenn das Depot gut diversifiziert ist.

Damit es auch so bleibt, werden die nächsten zwei Tage wichtig. Ich hatte es ja schon angekündigt, dass heute Abend (Mittwoch) die Fed über die Zinsen berät. „Der Markt ist im Vorfeld einer Sitzung so unsicher darüber, ob die Fed die Zinsen ändern wird, wie seit Dezember 2018 nicht mehr“, schreibt Jim Reid von der Deutschen Bank heute früh in seinem Morgenkommentar. Die Konsenserwartung ist allerdings, dass nichts passiert. Aber auch ein falkenhafter Ausblick könnte auf die Stimmung drücken.
Spannend werden auch die Microsoft-Zahlen. Der Aktie täten neue Impulse gut. Das Papier hat seit Jahresbeginn 13 Prozent verloren und in den vergangenen zwölf Monaten sogar mehr als 21 Prozent. Für Umsatz und Gewinn erwarten die Analysten eine deutliche Steigerung. Wie das Beispiel Alphabet gezeigt hat, wird es aber darauf nicht ankommen. Die Investoren werden vor allem auf die Ausgabenpläne achten. Für eine Ausweitung wurde Alphabet heftig abgestraft. Es kam bei den Investoren nicht gut an, dass der Cashflow ins Negative drehte.

Die Skepsis gegenüber den Investitionen der Hyperscaler und die heftigen Verluste bei den Halbleiterherstellern haben die gleiche Quelle: China. Die günstigen, aber leistungsstarken KI-Modelle von Firmen wie Moonshot oder DeepSeek schüren Zweifel, ob sich die hohen Investitionen in Datenzentren rechnen werden.
Zugleich meldet China erhebliche Fortschritte bei der Chip-Produktion. Offenbar hat ein staatlich unterstütztes chinesisches Unternehmen mit der Produktion von Immersions-DUV-Lithografiemaschinen begonnen. Sie sind ein wichtiges Werkzeug für die Chipherstellung – ein Bereich, der lange Zeit von ASML dominiert wurde. Gleichzeitig gelang dem chinesischen Speicherchiphersteller CXMT am Montag ein spektakulärer Börsengang.
Wenn chinesische Wettbewerber technologische Rückstände bei der Chipherstellung schneller als erwartet aufholen, bricht die Bewertungsprämie etablierter Halbleitergiganten schlagartig in sich zusammen. China holt hier und im KI-Geschäft mit großen Schritten auf und wird für die etablierten Marktführer zu einem immer ernster zu nehmenden Wettbewerber.
Ist es die richtige Strategie für Microsoft in so einer Phase, bei den KI-Investitionen etwas das Tempo rauszunehmen? Für mich würde es Sinn ergeben, jetzt mal etwas abzuwarten und zumindest die KI-Ausgaben nicht noch weiter zu erhöhen. Das könnte aber wieder neue Ängste auslösen. Microsoft sitzt in der Falle. Es käme einem Wunder gleich, wenn der Konzern ohne größere Verluste die Präsentation der Quartalszahlen übersteht.