Heute die Euphorie - und morgen...?

Heute die Euphorie - und morgen...?
Die Entwicklung des Ölpreises in den Stunden vor dem Ablauf des Ultimatums und nach Verkündung des Waffenstillstands

Die maximale Eskalation ist ausgeblieben. Das Wort vom „TACO Tuesday“ macht die Runde. US-Präsident Trump hat es mal wieder nicht bis zum Äußersten kommen lassen. Stattdessen präsentierte er einen Zehn-Punkte-Plan, auf den sich die USA und der Iran geeinigt hätten. Der Kern ist eine zweiwöchige Waffenruhe und die Öffnung der Straße von Hormus.

Auch wenn viele Details unklar sind, reichte die Nachricht für eine heftige Reaktion an den Märkten. Der Ölpreis bricht ein, die Aktienkurse schießen in die Höhe. Ist jetzt alles wieder gut? Genauso wie es in den vergangenen Wochen wichtig war, nicht in Panik zu verfallen, ist es jetzt wichtig, nicht euphorisch zu werden. Die Botschaft lautet „weniger schlimm“, nicht „Problem gelöst“. Man könnte auch sagen: Das Eis ist dicker, die Kuh ist aber noch längst nicht am sicheren Ufer.

Wenn sich die erste Erleichterung gelegt hat und die Anleger nüchtern auf den Deal schauen, werden sie eine Reihe von Fragen finden:

Logistischer Flaschenhals bleibt bestehen

Die Ankündigung der „sofortigen Öffnung“ der Straße von Hormus ist politisch gewichtig, logistisch aber eine Herkulesaufgabe. Aktuell warten über 1.000 Schiffe (darunter mehr als 400 Öl- und Gastanker) auf beiden Seiten der Meerenge. Reeder und Versicherer werden nur zögerlich neue Kapazitäten in die Region schicken, solange unklar ist, ob der Iran die Passage durch „technische Einschränkungen“ oder neue Transitgebühren faktisch kontrolliert.

Energiekosten: Das neue Normal ist teurer

Trotz des aktuellen Preissturzes steht Brent-Öl immer noch rund 50 Prozent höher als zu Jahresbeginn. Die Schäden an der Gas-Infrastruktur und die verbleibende Unsicherheit stützen das Preisniveau. Wir gehen davon aus, dass die Volatilität extrem hoch bleibt, da die Waffenruhe vorerst nur auf zwei Wochen befristet ist („Kick the can“).

Nur während der Corona-Pandemie und zu Beginn der Operation "Desert Storm" in 1991 fiel der Ölpreis stärker als auf die Nachricht eines Waffenstillstands im Iran-Krieg

Strategische Niederlage oder diplomatischer Sieg?

Während die Märkte feiern, wächst die politische Skepsis. Der Iran scheint durch die Blockade der Meerenge erhebliches Leverage gewonnen zu haben. Die Forderung Teherans, künftig Transitgebühren für den Wiederaufbau zu erheben, könnte die Transportkosten für Energie dauerhaft strukturell erhöhen. Für die USA war dieser Kompromiss vor allem innenpolitisch notwendig, um den massiven Druck an den Zapfsäulen zu lindern.

Eine neue Frist läuft

Insbesondere der zweite Punkt ist wichtig. Der Ölpreis mag gesunken sein, er ist aber nach wie vor hoch. Bald dürften die Folgen für die Konjunktur und damit auch die Unternehmensgewinne in den Vordergrund rücken. Enttäuschende Geschäftsberichte könnten zu neuen Rücksetzern an den Börsen führen. So überraschend es klingt: Fast ein Monat Iran-Krieg hat die hohen Bewertungen kaum abgebaut.

Neben den Folgen für Unternehmenszahlen bleiben die Auswirkungen auf die Inflation eine wichtige Frage. Sehen wir nur einen vorübergehenden Anstieg oder müssen die Notenbanken eingreifen? Die Angst vor Zinserhöhungen wären ebenfalls schlecht für die weitere Entwicklung der Kurse.

Über allem schwebt die Frage, was in zwei Wochen sein wird. Der Waffenstillstand gibt den USA und dem Iran Zeit für Verhandlungen. Beide Länder gewinnen aber genauso Zeit, um sich militärisch neu aufzustellen. Man sollte genau im Blick behalten, ob die USA weitere Kapazitäten in den Persischen Golf verlagern. Denn eigentlich haben sie keines ihrer Kriegsziele erreicht (was sich zumindest auf den diversen Pressekonferenzen und Posts auf Truth Social heraushören und -lesen ließ). Der Iran ist weiterhin im Besitz von Uran und das Mullah-Regime an der Macht – wenn auch mit anderen Personen. Es ist sogar stärker als vor den Angriffen, wenn es tatsächlich die Kontrolle über die Straße von Hormus behält. Der US-Kolumnist Owen Jones nannte den Deal bereits auf X die „größte strategische Niederlage, die die USA seit ihrem Aufstieg zur Supermacht“ erlitten hätten.

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