Die Tyrannei des Sichtbaren

Die Tyrannei des Sichtbaren

Es müsste doch eigentlich so einfach sein. Buchläden und Social-Media-Feeds sind voll von Erfolgsstorys. Wir lesen Geschichten und sehen Bilder von Leuten, die es scheinbar problemlos geschafft haben, ihr Leben umzukrempeln und ihre Ziele zu erreichen. Unwillkürlich stellt sich ein Gefühl der Unzufriedenheit ein. Warum schaffen die das? Und warum schaffe ich es nicht? Was mache ich falsch? In solchen Momenten sieht man nicht mehr, was man selbst bereits erreicht hat. Man starrt nur noch auf das, was fehlt. The grass always looks greener on the other side.

Die unsichtbaren Verlierer

Aus dieser Spirale der Unzufriedenheit zu entkommen, ist schwer. Was jedoch hilft, ist, die beiden psychologischen Prinzipien zu verstehen, die diese Spirale antreiben. Das erste ist der Survivorship Bias (Überlebensirrtum). Wir sehen immer nur die Sieger, niemals die Verlierer.

Beispiele für diesen Überlebensirrtum finden sich überall:

  • Bücher über die gemeinsamen Merkmale erfolgreicher Menschen versäumen es, all jene erfolglosen Menschen zu berücksichtigen, die genau dieselben Merkmale besaßen.
  • Studien über die Strategien der erfolgreichsten Unternehmen ignorieren die Firmen, die dieselben Strategien verfolgten und daran zerbrachen.
  • Applaus für Anleger, die mit ihren Aktienstrategie den großen Coup landeten, lässt die lange Liste der Anleger außer Acht, die dasselbe taten und alles verloren haben.
  • Das Feiern von Erfolgsgeschichten über „Studienabbrecher“ ignoriert die Opfer, die an derselben Entscheidung gescheitert sind.
  • Geschichten über Auswanderer, die in der Ferne ihr großes Glück fanden, blenden all die Fälle aus, wo jemand in einem anderen Land gescheitert ist.

Der Survivorship Bias verzerrt unser Verständnis der Welt. Er verleitet uns dazu, die wahren Erfolgswahrscheinlichkeiten falsch einzuschätzen. Denn wer gescheitert ist, findet in der Öffentlichkeit nicht statt.

Diagoras und die Seeleute: Eine Lehre aus der Antike

Sehr plastisch wird das in einer Anekdote aus der Antike:

Vor über 2.000 Jahren erzählte der römische Philosoph Cicero die Geschichte von Diagoras, einem erklärten Atheisten. Als man ihm Votivtafeln von Schiffbrüchigen zeigte, die dank ihrer Gebete überlebten, fragte Diagoras treffend: „Ich sehe jene, die gerettet wurden. Aber wo sind diejenigen abgebildet, die gebetet haben und dennoch ertrunken sind?“

Hier zeigen sich zwei Probleme deutlich:

  1. Die Selektion: Wir sehen nur die „Überlebenden“ (die Gewinner, die Millionäre, die Glücklichen), weil die „Ertrunkenen“ keine Bilder hinterlassen und keine Geschichten erzählen können.
  2. Die falsche Kausalität: Nur weil die Überlebenden gebetet haben (oder früh aufgestanden sind), heißt das nicht, dass dies die Ursache für ihren Erfolg war – denn wir wissen nicht, wie viele Menschen exakt dasselbe getan haben und dennoch untergingen.

Verhängnisvolle Abkürzung im Kopf

Der Survivorship Bias ist jedoch nicht der einzige Grund, warum wir uns oft als Versager fühlen. Es gibt noch eine zweite Psychofalle: die Verfügbarkeitsheuristik. Unser Gehirn neigt dazu, die Wichtigkeit oder Häufigkeit eines Ereignisses danach zu bewerten, wie leicht uns Beispiele dafür einfallen. Wir denken unbewusst: „Wenn es mir sofort einfällt, muss es wichtig oder häufig sein.“

Die Langeweile, die Hürden und die kleinen Misserfolge des Alltags sind kaum dokumentiert. Da uns zu diesen Aspekten bei anderen keine Bilder einfallen, sind sie gedanklich nicht verfügbar. Uns fallen jedoch sofort Dutzende Beispiele für Musiker ein, die es von der Straße auf die große Bühne geschafft haben. Wer mit dem gleichen Plan gescheitert ist, ist medial schlicht nicht präsent.

Diese Falle begegnet uns überall: Da ein Flugzeugabsturz medial extrem präsent ist, halten viele das Fliegen für gefährlicher als das Autofahren, obwohl die Statistik das Gegenteil beweist. Das Gleiche gilt für Hai-Angriffe. Wir überschätzen die Gefahr, weil über jeden einzelnen Angriff weltweit berichtet wird.

Ein Werkzeug für bessere Entscheidungen

Wer sich diese Psychofallen nicht präsent hält, wird nicht nur schneller unglücklich. Er lässt sich auch dazu verleiten, für teures Geld Kurse der „Sieger“ zu buchen, um deren vermeintliches Erfolgsgeheimnis zu lernen.

Helfen kann hier das Possibility Grid (Möglichkeitsraster). Vor einer wichtigen Entscheidung solltest du dir eine Matrix mit vier Feldern erstellen:

  • Quadrant 1 (oben links): Wer hat es getan und geschafft? (Die Story, die dich unter Druck setzt).
  • Quadrant 2 (oben rechts): Wer hat genau das Gleiche versucht, aber ist gescheitert? (Die „Ertrunkenen“ von Diagoras).
  • Quadrant 3 (unten links): Wer hat sich gegen das Risiko entschieden und führt trotzdem ein großartiges Leben? (Der Schutz vor dem blinden Folgen von Trends).
  • Quadrant 4 (unten rechts): Wer hat nichts gemacht und wurde gerade deshalb unglücklich? (Die Kosten der Stagnation).

Während unser Gehirn normalerweise nur den Quadranten „Aktion + Erfolg“ sieht, zwingt uns diese Matrix, die gesamte Realität zu betrachten. Sie liefert dir keine fertige Antwort, aber sie verschafft dir ein zutreffenderes Abbild der Welt, während du die Entscheidung für dich selbst triffst. Oft geht es am Ende um die entscheidende Frage: „Kann ich mit den Konsequenzen von Quadrant zwei leben, um Quadrant vier zu vermeiden?“

Daten für alle vier Felder zu finden, ist oft nicht einfach. Aber das Unsichtbare ist genauso wichtig wie das Sichtbare. Der gefährlichste Datenpunkt ist immer derjenige, den man niemals sieht.

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