Die letzten Käufe und Verkäufe von Warren Buffett
Als Warren Buffett zum Jahreswechsel den Chefposten bei Berkshire Hathaway abgab, war sein Vermächtnis längst geschrieben. Doch das Depot, das er nun seinem Nachfolger Greg Abel hinterlässt, ist mehr als eine Übergabe. Es ist ein Signal. Die jüngste Pflichtmeldung an die US-Börsenaufsicht SEC zeigt: Buffett hat im vierten Quartal erneut mehr verkauft als gekauft.
Besonders auffällig ist der radikale Rückbau bei Amazon. Die Beteiligung wurde um 77 Prozent reduziert. Parallel dazu stieg Berkshire überraschend bei der „New York Times“ ein. Die Aktie stieg nachbörslich um zehn Prozent.
Anleger lassen die Bewegungen im Berkshire-Portfolio seit jeher aufhorchen. Buffett gilt seit Jahrzehnten als Taktgeber für langfristige Geldanlage. Seine Umschichtungen werden weltweit kopiert, oft mit Verzögerung, aber selten ohne Wirkung.
Buffets letzte Amtshandlung: Medienliebe trifft Bewertungsrealität
Der Einstieg bei der „New York Times“ ist auf den ersten Blick nostalgisch. Buffett begann als Zeitungsjunge, war jahrzehntelang an der „Washington Post" beteiligt und hielt bis 2020 ein ganzes Regionalzeitungsportfolio.
Doch die Entscheidung für die „New York Times“ ist weniger romantisch als rational. Ein Blick auf die Kennzahlen zeigt, warum der Einstieg bemerkenswert ist:
- Positionsgröße: Berkshire hält rund fünf Millionen Aktien im Wert von mehr als 350 Millionen Dollar. Das ist kein symbolischer Testballon, sondern ein substanzielles Investment.
- Kursentwicklung: Die Aktie legte binnen zwölf Monaten um knapp 50 Prozent zu. Buffett kauft also nicht in eine Schwächephase, sondern in eine bereits gelaufene Bewertung hinein.
- Bewertung: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt bei 26 auf Basis der erwarteten Jahresgewinne. Damit ist die Aktie ambitioniert bewertet und teurer als viele klassische Value-Titel.
Gerade dieser dritte Punkt ist entscheidend: Buffett, der jahrzehntelang als Schnäppchenjäger galt, akzeptiert hier eine höhere Bewertung. Das deutet darauf hin, dass er dem digitalen Abomodell der "New York Times" strukturelle Ertragskraft zutraut – trotz steigender Konkurrenz im Medienmarkt.
Der Amazon-Verkauf: ein Warnhinweis
Deutlich gewichtiger ist der Schritt bei Amazon. Berkshire erwarb 2019 erstmals eine Beteiligung an Amazon. Buffett sagte damals, dass er trotz seiner historischen Abneigung gegen Technologieaktien ein „Idiot“ gewesen sei, weil er die Papiere des Online-Handelsriesen nicht schon früher gekauft habe.
Doch nun der Strategiewechsel. Amazon investiert inzwischen massiv in Künstliche Intelligenz und Cloud-Infrastruktur. Diese Investitionen drücken kurzfristig auf den freien Cashflow des Unternehmens – eine Kennzahl, die für Value-Investoren zentral ist.
Der freie Cashflow misst, wie viel liquide Mittel nach Investitionen übrig bleiben. Er entscheidet darüber, ob ein Unternehmen
- Dividenden zahlen kann
- Aktien zurückkauft
- Schulden tilgt
- oder organisch wächst
Analysten erwarten, dass Amazons freier Cashflow im laufenden Jahr negativ ausfallen könnte: minus 1,1 Milliarden US-Dollar. Das heißt: Kapitalabfluss statt Kapitalbildung.
Buffetts Reduktion fällt außerdem in eine Phase, in der die Aktie bereits mehr als 20 Prozent unter ihrem Hoch notiert. Der Markt zweifelt zunehmend, ob sich die Milliardeninvestitionen in KI schnell amortisieren.
Zum Vergleich: Bei Alphabet, ebenfalls stark in KI engagiert, ließ Berkshire die Position unverändert. Dort rechnen Analysten weiterhin mit einem positivem freien Cashflow. Der Unterschied ist fein, aber entscheidend.
Neben Amazon reduzierte Berkshire im vierten Quartal seine Beteiligungen an der Bank of America und Apple, wodurch diese auf 7,1 Prozent bzw. 1,5 Prozent sanken. Buffett begann bereits im Jahr 2024 damit, diese Positionen abzubauen.
Mehr Öl, mehr Versicherung, weniger Technologie
Neben Medien und Tech setzte Buffett auf klassische Substanzwerte:
- Aufstockung beim US-Energiekonzern Chevron Corporation
- Erhöhung der Beteiligung am Schweizer Schadens- und Unfallversicherer Chubb Limited
Beides sind Geschäftsmodelle mit kalkulierbaren Cashflows. Chubb profitierte zuletzt sogar von Übernahmespekulationen rund um American International Group.
Diese Gewichtung passt ins Gesamtbild: Berkshire baut Liquidität auf. Zum Ende des dritten Quartals lagen die Cash-Reserven bei rund 382 Milliarden Dollar. Seit mehr als drei Jahren verkauft der Konzern netto Aktien.
Hohe Liquidität bedeutet in Buffetts Logik zweierlei:
- Schutz in unsicheren Marktphasen
- Handlungsfähigkeit bei größeren Gelegenheiten
Kraft Heinz: das ungelöste Kapitel
Unverändert blieb die Beteiligung an Kraft Heinz, an der Berkshire 27,5 Prozent hält. Doch hier könnte Bewegung folgen. Buffett äußerte sich zuletzt ungewöhnlich kritisch zu den Aufspaltungsplänen des Konzerns.
Das ist bemerkenswert. Normalerweise mischt er sich operativ nicht ein. Sollte Berkshire Anteile verkaufen, wäre das ein symbolischer Bruch mit einem einstigen Prestige-Deal.
Das Vermächtnis: Vorsicht vor Übertreibung
Buffetts letztes Depot ist weniger ein Paukenschlag als vielmehr eine Positionsbestimmung. Die Botschaft lautet: Bei hoch bewerteten Wachstumsversprechen ist Vorsicht geboten, Priorität haben freier Cashflow, hohe Liquidität und berechenbare Geschäftsmodelle.
In einer von KI-Euphorie geprägten Marktphase wirkt das zurückhaltend. Genau darin liegt jedoch die Pointe: Buffett verabschiedet sich nicht mit Risiko, sondern mit Disziplin. Für Greg Abel ist das weniger eine Fessel als ein Maßstab: erst das Kapital sichern, dann es vermehren.