Der doppelte Doom-Loop beherrscht die Börse

Der doppelte Doom-Loop beherrscht die Börse

Es war nur der vorerst letzte Absturz einer Verlustserie, die gerade die Investoren in Atem hält: Am Donnerstag verloren die Aktien des Logistikkonzerns C.H. Robinson Worldwide fast 15 Prozent. Auslöser war anscheinend eine Bekanntgabe der Firma Algorhythm Holdings. Diese teilte mit, dass sich Fracht mit ihrer KI-Plattform SemiCab deutlich effizienter abwickeln lasse als bisher. Nicht nur C.H. Robinson Worldwide wurde abverkauft; es traf die gesamte Branche. Der Russell 3000 Trucking Index verlor 6,64 Prozent.

Etwas kurios: Algorhythm Holdings firmierte vor einiger Zeit noch unter dem Namen The Singing Machine und vertrieb Karaoke-Produkte. Im September 2024 benannte sich die Firma um, nachdem sie zuvor den KI-Entwickler SemiCab in einem Aktientausch übernommen hatte. Später wurde das Karaoke-Geschäft verkauft. Aktuell ist Algorhythm Holdings an der Börse (das Kürzel ist weiterhin RIME) rund 21 Millionen Dollar wert. Vergangene Woche schoss der Kurs um über 200 Prozent in die Höhe. Zum Vergleich: Der Börsenwert von C.H. Robinson Worldwide liegt selbst nach dem Absturz bei rund 21 Milliarden Dollar.

Die Hektik illustriert gut die Stimmung, die gerade an der Börse herrscht. Es gilt das Motto: „Shoot now, ask later.“ Erst wird verkauft, dann wird geprüft. Ob SemiCab tatsächlich die Logistikbranche aufrollt, ist völlig offen. Bisher gibt es dazu nur ein Whitepaper und die Behauptungen von Algorhythm Holdings. Aber so denken die Anleger gerade nicht. Der Markt hat seinen Fokus radikal verschoben: Ging es in den vergangenen drei Jahren vorrangig um den Aufbau der KI-Infrastruktur (Hardware), dominiert nun die Angst vor den Folgen der breiten Anwendung. „Anleger zeigen gerade keinerlei Gnade für alles, was auch nur entfernt als KI-Verlierer gilt“, bringt es Emmanuel Cau, Aktienstratege bei Barclays, auf den Punkt.

Fast alle Branchen trifft es

Die neue Stimmung bekamen auch andere Branchen im Februar zu spüren. Allen voran traf der „AI Scare Trade“ den Software-Sektor. Der S&P 500 Software & Services Index hat seit seinem Höchststand im Oktober etwa zwei Billionen Dollar an Wert verloren. Die Hälfte der Verluste entstand allein in den vergangenen zwei Wochen, als die Sorge wuchs, dass fortschrittliche KI-Tools traditionelle Abonnements und Unternehmensanwendungen verdrängen könnten. An einem einzigen Tag verlor zum Beispiel Expedia bis zu 15 Prozent, Salesforce 8,5 Prozent und Thomson Reuters über sieben Prozent. 

Ebenfalls im Fokus der Anleger steht die Finanzbranche, insbesondere Makler und Datenanalysefirmen. Sie gerieten unter Druck, nachdem das KI-Unternehmen Altruist Steuerplanungsfunktionen einführte. Prominente Opfer waren hierbei unter anderem Charles Schwab mit einem Tagesverlust von bis zu 8,7 Prozent und LPL Financial mit bis zu elf Prozent. ^

Auch Versicherungsaktien traf es: Sie stürzten ab, nachdem die Online-Plattform Insurify ein KI-gestütztes Tool auf Basis von ChatGPT veröffentlichte, das Nutzern den direkten Vergleich von Kfz-Versicherungstarifen ermöglicht. Aon verlor daraufhin über neun Prozent, die Mony Group bis zu 14 Prozent als bekannt wurde, dass der spanische Digitalversicherer Tuio eine App für Hausratversicherungen in ChatGPT startet.

Ein Satz des Chefs von CBRE, dem weltweit größten Dienstleister für Gewerbeimmobilien, genügte, um die Kurse von Immobilienfirmen nach unten zu ziehen. Robert Sulentic hatte lediglich gesagt: „Wenn es infolge von KI langfristig weniger Büroangestellte gibt, wird auch die Nachfrage nach Büroflächen sinken. Das wäre ein langfristiger Trend, der sich erst noch entfalten muss.“ Sein Unternehmen verlor vergangene Woche insgesamt 14,6 Prozent, Jones Lang LaSalle 16,5 Prozent und Cushman & Wakefield sogar fast 20 Prozent.

Doppelter Doom-Loop

Neben der Angst vor den Folgen von KI für einzelne Branchen drückt jedoch noch eine zweite Angst die Kurse gerade nach unten: Was ist, wenn sich die ganzen KI-Ausgaben niemals rechnen werden? Microsoft, Amazon, Meta und Alphabet werden allein in diesem Jahr voraussichtlich mehr als 600 Milliarden Dollar für Investitionen aufwenden. Das saugt den freien Cashflow auf und belastet die Unternehmen mit abschreibungsfähigen Vermögenswerten – was viele der Merkmale radikal verändert, die den Aufstieg dieser Firmen im letzten Jahrzehnt befeuert haben.

„Das ist eine echte No-Win-Situation“, sagte Anthony Saglimbene, Chefmarktstratege bei Ameriprise Advisor Services. „Anleger konnten früher getrost sagen: Solange es irgendwann in der Zukunft passiert, ist es für mich in Ordnung, wenn Microsoft, Amazon oder Alphabet das Geld ausgeben. Jetzt wollen sie unmittelbarer wissen, wann sich diese Investitionen auszahlen – und wir haben noch kein klares Bild davon.“

Seit Microsoft und Meta am 28. Januar die Berichtssaison für das vierte Quartal einläuteten, sind die Aktien von Microsoft und Amazon um jeweils mehr als 16 Prozent gefallen, wobei Amazon in der längsten Verlustserie seit etwa 20 Jahren feststeckt. Selbst Alphabet, das weithin als der größte KI-Gewinner innerhalb der Gruppe gilt, liegt elf Prozent unter seinem jüngsten Höchststand. Meta, dessen starkes Umsatzwachstum die höher als erwartet ausgefallenen Investitionsausgaben zunächst überschattete, ist seit einer durch die Quartalszahlen ausgelösten Rallye um 13 Prozent eingebrochen.

Mit anderen Worten: Sowohl die potenziellen KI-Gewinner als auch die potenziellen KI-Verlierer haben es gerade an der Börse schwer.

Kurs-Entwicklung seit Jahresanfang

Jetzt nicht panisch werden

Für Anleger ist es jetzt wichtig, sich nicht von der Nervosität an den Märkten anstecken zu lassen. Die Börse urteilt derzeit sehr hart und pauschal. Ganze Branchen lassen sich nicht so schnell umwälzen, wie es die aktuellen Kurse suggerieren. Charles Schwab zum Beispiel verwaltet ein Vermögen von über sieben Billionen Dollar – eine Vertrauensleistung, die kein reines KI-Tool mal eben ersetzen kann. Natürlich wird es KI-Verlierer geben, aber nicht jedes Unternehmen, das gerade abgestraft wird, gehört dazu.

Wir sehen derzeit eher viele Übertreibungen, die auch Chancen bieten. Fondsmanager Bert Flossbach, Mitgründer von Flossbach von Storch, erklärte vergangene Woche beispielsweise im „Handelsblatt“, dass er jetzt in SAP investiert: „Vor einem Jahr war die Aktie sehr teuer, diese Überbewertung ist inzwischen weg. SAP ist tief bei den Anwendern integriert, die Wertschöpfung ist groß. Für Unternehmen ist es enorm schwer, SAP durch eine andere Software zu ersetzen.“

Die Börse übersieht gerade, dass KI den angeblichen Verlierern auch helfen kann, ihre Prozesse zu optimieren und effizienter zu werden. Das heißt: Wer Liquidität zur Seite gelegt hat, kann jetzt auf Schnäppchenjagd gehen. Natürlich kann es noch einmal weiter nach unten gehen, da das Angst-Narrativ sehr stark ist. Daher empfiehlt es sich, sukzessive nachzukaufen, statt alles auf einmal zu investieren.

Insgesamt ist die Lage an der Börse jedoch nicht so schlecht, wie man meinen könnte. Zwar gibt es heftige Kursstürze bei einzelnen Aktien, doch der Aufschwung gewinnt insgesamt an Breite. Das wird beim Vergleich des S&P 500 mit dem S&P 500 Equal Weight deutlich: Letzterer performt derzeit stärker, da er weniger von den fallenden Tech-Aktien belastet wird. Seit Jahresanfang hat er fast sechs Prozent gewonnen, während der S&P 500 dagegen leicht verloren. Wer ein breit diversifiziertes Depot hat, kann also entspannt bleiben.

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