An der Börse werden gerade Milliarden umgeschichtet

An der Börse werden gerade Milliarden umgeschichtet

An den Börsen kommt Geld in Bewegung. Und zwar in einem Tempo, das selbst erfahrene Marktbeobachter aufhorchen lässt. Internationale Fondsmanager erhöhen ihre Aktienquoten so stark wie nie seit Beginn der entsprechenden Umfragen der Bank of America (BofA) Anfang der 2000er-Jahre. 

Gleichzeitig ziehen ETF-Anleger ihr Geld aus einigen bisherigen Gewinnerbranchen ab und schichten um. Das Überraschende daran ist, dass es sich nicht um eine blinde Jagd nach Rendite handelt. Es ist aber auch keine klassische Flucht in Sicherheit. Es scheint beides zugleich zu sein. 

Aktien ja, aber nicht überall 

So kaufen die großen Profis wieder Aktien. Gleichzeitig werden sie bei Anleihen immer skeptischer. Die Umfrage der BofA unter Fondsmanager ergab, dass sie extrem stark auf Aktien setzen. Im Mai schoss die Aktienquote steil in die Höhe.

Das Geld fließt aber nicht gleichmäßig in alle Regionen. Laut der Fondsmanagerumfrage erhöhten Investoren vor allem das Gewicht von US-Aktien und Schwellenländertiteln. Aktien aus der Euro-Zone wurden dagegen erstmals seit Ende 2024 wieder von einer Mehrheit untergewichtet.

Das ist ein wichtiges Signal. Denn eigentlich hätten europäische Aktien von niedrigeren Bewertungen und der Hoffnung auf Zinssenkungen profitieren können. Doch globale Anleger setzen derzeit lieber auf Märkte, in denen sie stärkere Gewinntrends sehen. 

In den USA stützen starke Unternehmensgewinne aktuell die grundsätzliche Aktiennachfrage. Bei Schwellenländeraktien kommt die starke Marktdynamik hinzu: Der MSCI Emerging Markets hat seit Jahresbeginn in Dollar 19 Prozent gewonnen.

ETF-Anleger sortieren innerhalb des Marktes neu

Die zweite Bewegung zeigt sich bei ETF-Anlegern. Hier geht es weniger um die Frage, ob Aktien grundsätzlich gekauft werden. Es geht darum, welche Teile des Aktienmarktes gerade gefragt sind – und welche nicht mehr.

Die Zu- und Abflüsse bei S&P-500-Sektor-ETFs zeigen eine kurzfristige Rotation innerhalb des US-Marktes. Aus Technologie-ETFs flossen zuletzt 169,90 Millionen Dollar ab. Noch deutlicher waren die Abflüsse bei Energie und Industrie. Auch Versorger, Kommunikationsdienste und Finanzwerte verzeichneten Rückgänge.

Gefragt waren dagegen Konsumgüter, Gesundheitswerte und Werkstoffe. Das spricht dafür, dass Anleger nach der Rally Gewinne in stark gelaufenen Bereichen mitnehmen und Kapital in Sektoren lenken, die entweder defensiver wirken oder Nachholpotenzial bieten.

Damit entsteht kein Widerspruch zur stärkeren Nachfrage nach US-Aktien insgesamt. Die Profis erhöhen ihre Aktienquoten. ETF-Anleger schichten innerhalb des Marktes um. Anleger verlassen den Aktienmarkt also nicht. Noch nicht. Sie werden aber wählerischer.

Gewinne schlagen Geopolitik

Der Nahostkonflikt, hohe Ölpreise und die blockierte Straße von Hormus schrecken Anleger zudem bislang weniger ab, als man erwarten könnte. Der Grund liegt in den Unternehmenszahlen: 84 Prozent der Unternehmen im S&P 500 haben Gewinnerwartungen übertroffen. Zudem meldete der Index das stärkste Gewinnwachstum seit dem vierten Quartal 2021. 

Damit gibt es drei Stützen der Rally: robuste Unternehmensgewinne, anhaltende Kapitalzuflüsse in Aktien und hohe Nachfrage nach börsengehandelten Anlageprodukten wie ETFs.

Im April flossen weltweit 213 Milliarden Dollar in solche Produkte. Der größte Teil davon, 150 Milliarden Dollar, entfiel auf Fonds, die in Aktien investieren. Damit lässt sich zumindest ein Teil des scheinbaren Widerspruchs erklären. Anleger sehen Risiken, aber sie sehen zugleich steigende Gewinne. Und solange Gewinne stärker wachsen als die Angst, bleibt Aktien die bevorzugte Anlageklasse.

Gold und Silber gesucht, Bitcoin und Öl werden abverkauft

Noch deutlicher ist die Lage bei Rohstoffen. Zuletzt flossen 523 Millionen Dollar in den SPDR Gold Shares und 468 Millionen Dollar in den iShares Silver Trust. Aus dem iShares Bitcoin Trust flossen dagegen 208 Millionen Dollar ab, aus dem U.S. Oil Fund knapp elf Millionen Dollar.

Das passt zu einem größeren Trend. Der „World Gold Council“ meldete für April weltweite Zuflüsse von 6,6 Milliarden Dollar in physisch besicherte Gold-ETFs. Das verwaltete Vermögen dieser Produkte stieg demnach auf 615 Milliarden Dollar, die Bestände legten auf 4137 Tonnen zu. Gold ist damit wieder Absicherung, nicht bloß Spekulation. Anleger kaufen Aktien, aber sie legen sich zugleich einen Airbag ins Depot. Silber profitiert zusätzlich von seiner Doppelrolle: Es ist Edelmetall und Industriemetall. Wer Silber kauft, setzt also teils auf Sicherheit, teils auf Konjunktur.

Anleihen verlieren ihren Schutzstatus

Bemerkenswert ist auch, wohin das Geld nicht fließt: in Anleihen. Gegenüber Bonds sind Fondsmanager so pessimistisch sind wie seit dem Krisenjahr 2022 nicht mehr. Die Angst: eine neue Inflationswelle. Steigt die Inflation erneut, etwa wegen höherer Energiepreise, könnten die Renditen am Anleihemarkt weiter steigen. Das würde bestehende Anleihen belasten, weil ihre Kurse fallen, wenn neue Papiere höhere Zinsen bieten.

Doch genau hier liegt das Risiko für die neue Aktienlaune. Die Cashquote der Fondsmanager fiel im Mai von 4,3 auf 3,9 Prozent. Solche niedrigen Bargeldbestände gelten häufig als Warnsignal, weil viele Anleger dann bereits investiert sind und weniger Kaufkraft für Rücksetzer bleibt. 

Auch Barclays mahnt zur Vorsicht: In sieben Wochen seien 70 Milliarden Dollar in US-Aktienfonds geflossen, seit Jahresbeginn 180 Milliarden Dollar. Das sei deutlich mehr als üblich und mache den Markt anfälliger für Rückschläge, falls Renditen oder Inflationsdaten enttäuschen. 

Die neue Marktlogik

Die Geldströme zeigen: Anleger verlassen den Markt nicht. Sie sortieren ihn neu. Aktien bleiben gefragt, vor allem in den USA und in Schwellenländern. Innerhalb des US-Marktes wandert aber Kapital aus einigen bisherigen Gewinnern in andere Bereiche. Zugleich bauen Anleger Positionen in Gold und Silber auf.

Die Rally scheint also noch nicht vorbei, aber sie wird anspruchsvoller. Wer jetzt Aktien kauft, setzt darauf, dass Unternehmensgewinne weiter steigen und die Notenbanken Spielraum für Zinssenkungen bekommen. Beides ist möglich. Beides ist aber nicht garantiert.

Für Anleger heißt das: Die neuen Geldströme sind ein Signal, aber keine Entwarnung. Profis setzen wieder stärker auf Aktien. Gleichzeitig sichern sie sich ab. Genau diese Doppelbewegung sollten Privatanleger ernst nehmen. Sie zeigt nicht nur, wohin das Geld fließt. Sie zeigt auch, wie fragil die neue Zuversicht bleibt.

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