Wir bezahlen nicht mit Geld, wir bezahlen mit Lebensenergie
Man kann Geld als Tauschmittel sehen, als Wertspeicher und als Recheneinheit. So definiert zumindest die Wissenschaft die Grundfunktionen. Aber was wäre, wenn wir Geld einmal als Lebensenergie betrachten?
Wir reden zwar immer davon, dass wir Geld verdienen. Wir reden aber weniger darüber, was wir dafür einsetzen – vielleicht, weil wir es nicht so genau wissen wollen. Denn dieser Einsatz ist verdammt hoch: Jedes Mal, wenn wir zur Arbeit gehen, tauschen wir ein Stück unserer Lebensenergie, unserer Zeit und unserer Aufmerksamkeit gegen eine Zahl auf dem Gehaltszettel. Geld ist somit etwas, das wir durch den Einsatz unserer Lebensenergie erhalten. Es ist gespeicherte Lebensenergie.
Wenn wir diese Perspektive einnehmen, verändert sich der Blick auf den nächsten Einkauf radikal. Das neue Smartphone kostet dann nicht mehr 900 Euro, sondern vielleicht drei Wochen unseres Lebens, in denen wir unter künstlichem Licht am Schreibtisch saßen, statt Zeit mit Freunden und der Familie zu verbringen oder einem Hobby nachzugehen.
Der wahre Preis der Arbeit
Der Aufwand an Lebensenergie ist dabei größer, als wir oft denken. Zu unserer Arbeitszeit müssen wir die Zeit addieren, die wir indirekt für die Arbeit aufwenden: die Fahrtzeit, die Zeit für die morgendliche Vorbereitung und die Stunden, die wir brauchen, um nach einem anstrengenden Tag wieder "herunterzufahren".
Zugleich sinkt die Entschädigung, die wir dafür bekommen. Von unserem Gehalt müssen wir alle versteckten Kosten abziehen, die nur entstehen, weil wir diesen speziellen Job haben: Pendelkosten, die teurere Business-Kleidung, die schnelle, überteuerte Mahlzeit in der Mittagspause und sogar die "Belohnungsausgaben" am Wochenende, die wir tätigen, um den Stress der Arbeitswoche zu kompensieren.
Lebensenergie ist ein knappes Gut. Sie ist endlich, unwiederbringlich und absolut individuell. Wer einmal ehrlich gegenüberstellt, wie viel Geld er für eine Stunde investierter Lebensenergie erhält, wird wahrscheinlich schockiert sein, für wie wenig er dieses rare Gut hergibt. Natürlich müssen wir Geld verdienen – niemand will obdachlos auf der Straße enden. Aber bei dem hohen Einsatz, den wir zahlen, sollten wir uns zumindest gut überlegen, wofür wir das Geld verwenden.
Die entscheidenden drei Fragen lauten:
1. Habe ich für den Einsatz von Lebensenergie eine angemessene Menge an Erfüllung erhalten?
Diese Frage hilft dabei, dass du deine investierte Lebensenergie nicht für Dinge einsetzt, die dir eigentlich egal sind. Es geht nicht um den kurzfristigen Kick, sondern um die langfristige Erfüllung. Schau, wo der Einsatz deiner Lebensenergie angemessen ist, und investiere sie in Erlebnisse und Dinge, die dein Herz wirklich höherschlagen lassen.
In den Phasen Überleben, Annehmlichkeiten und Luxus bringt uns jeder eingesetzte Euro einen echten Zuwachs an Lebensqualität (siehe Grafik). Ab dem Peak bedeutet mehr Besitz jedoch mehr Stress, mehr Sorgen und weniger Zeit für die Dinge, die wirklich zählen. Das "Mehr" wird zum Hindernis für die eigene Freiheit.

2. Steht diese Ausgabe im Einklang mit meinen innersten Werten?
Oft geben wir Geld für Dinge aus, von denen wir glauben, dass wir sie haben müssten, oder weil "man" das eben so macht (Statussymbole, bestimmte Urlaube, die neueste Technik). Die Frage nach den Werten zwingt dich dazu, innezuhalten: Erhöht dieser Kauf mein Lebensglück nach meinen Maßstäben, oder versuche ich nur, eine Erwartungshaltung von außen zu erfüllen?
Bevor man diese Frage beantworten kann, muss man natürlich definieren, was einem wirklich wichtig ist. Häufige Werte sind zum Beispiel: Freiheit, Familie oder Gesundheit. Hast du deine Werte festgelegt, kannst du jede Ausgabenkategorie in deinem Haushaltsbuch mit drei Symbolen kennzeichnen:
- (-) Die Ausgabe steht nicht im Einklang mit meinen Werten.
- (0) Die Ausgabe ist neutral (z. B. Fixkosten wie Miete).
- (+) Die Ausgabe steht voll im Einklang und bringt echte Erfüllung.
Das Ziel ist es, die (-)-Ausgaben schrittweise zu eliminieren und die (+)-Ausgaben zu steigern.
3. Würde ich diese Ausgabe tätigen, wenn ich nicht mehr für Geld arbeiten müsste?
Besonders diese dritte Frage ist oft entlarvend. Viele unserer Käufe dienen lediglich der Kompensation einer unbefriedigenden Arbeitssituation. Wir kaufen uns "Freude", weil wir im Job keine finden. Wir kaufen uns "Status", weil wir uns in unserem Hamsterrad klein fühlen.
Die Macht über die Zeit zurückgewinnen
Indem wir Geld als Lebensenergie begreifen, denken wir unseren Konsum neu. Wir fragen uns dann: „Waren diese 30 Stunden meiner endlichen Lebenszeit ein fairer Tausch für diese Tasche?“
Es geht hier nicht um Geiz oder den Verzicht auf Freude, sondern um die beste „Rendite“ für unsere Lebensenergie und darum, dass wir die Macht über unsere Zeit zurückgewinnen. Wer bewusster konsumiert, kann mehr in seine finanzielle Freiheit investieren, damit die Lebensenergie am Ende zu 100 Prozent einem selbst gehört.