Märkte unter Druck: Wenn Geopolitik die KI-Rallye einholt
Hohe KI-Erwartungen haben die Aktienmärkte auf Rekordniveaus getrieben. Geopolitische Risiken? Wurden konsequent ausgeblendet. Insbesondere die anhaltende Blockade der Straße von Hormus spielte für Anleger lange keine Rolle. Die Marktpositionierung erholte sich im Schatten dieser Euphorie massiv. Doch diese Ignoranz könnte sich jetzt rächen.
Zwar überzeugte vor allem Alphabet mit seinen am Mittwoch präsentierten Quartalszahlen. Die Aktie konnte nachbörslich 6,6 Prozent zulegen. Auch die Bilanz von Amazon wurde wohlwollend aufgenommen (plus 2 Prozent nachbörslich). Meta hingegen enttäuschte und wurde entsprechend abgestraft (minus 7 Prozent).
Allerdings schoss der Ölpreis wegen der Sorge vor neuen US-Attacken am Mittwoch in die Höhe. Mit knapp 124 Dollar kostete die Sorte Brent so viel wie noch nie seit Beginn des Iran-Kriegs. Der Ölpreis liegt damit auf einem Level, das der Markt unmöglich weiter ignorieren kann. Die Folgen für Wirtschaftswachstum und Inflation rücken schlagartig ins Bewusstsein. Entsprechend stiegen die Anleihenrenditen deutlich an. Mit anderen Worten: Investoren verkauften ihre Papiere.

„Die Euphorie der vergangenen Wochen grenzte an Realitätsverweigerung“, schreibt Stephan Kemper von BNP Paribas in seinem Marktkommentar treffend. „KI-Fantasien zogen die Indizes fast im Alleingang auf immer neue Höchststände. Begleitet von einer gefährlichen Scheuklappenmentalität. Die eskalierende Lage im Nahen Osten? Eine bloße Randnotiz.“
Beim Dax zeichnet sich der nächste Verlusttag ab. Er eröffnete knapp 0,9 Prozent im Minus. Es wäre der neunte Tag in Folge – schon jetzt die längste Verlustserie seit sechs Jahren. Mit der Zuspitzung am Ölmarkt und den Auswirkungen steigt allerdings die Chance, dass Bewegung in die Verhandlungen zwischen dem Iran und den USA kommt.
Die Vergangenheit zeigte, dass US-Präsident Trump sehr genau auf die Entwicklung an den Anleihenmärkten achtet. Fast schon legendär ist sein Satz wenige Tage nach dem „Liberation Day“. Trump setzte die Zollerhöhungen auch mit Blick auf die steigenden Renditen aus und kommentierte den Schritt lapidar:
„I thought that people were jumping a little bit out of line. They were getting yippee.“
Trump steht ohnehin unter Druck, eine Lösung zu finden. Die Benzinpreise in den USA liegen im Schnitt bei über vier Dollar je Gallone und seine Umfragewerte sind miserabel. Trump ist unbeliebter als sein Vorgänger Joe Biden. Die Zwischenwahlen im November drohen zum Desaster für die Republikaner zu werden.


Auch Teheran kann der verfahrenen Lage eigentlich nicht mehr ewig zuschauen. Bisher konnte man den Eindruck haben, als hätte das Regime keine Eile damit, eine Lösung zu finden. Doch nun beginnt auch die Zeit gegen den Iran zu arbeiten. Da die von den USA verhängte Gegenblockade der Straße von Hormus einen Großteil der iranischen Ölexporte unterbindet, fehlen dem Iran nicht nur bis zu 40 Prozent der Staatseinnahmen. Langsam werden auch die Lagerkapazitäten knapp. Inzwischen werden schon Öltanker als schwimmende Speicher genutzt. Analysehäuser wie Windward oder Kpler schätzen, dass die verbleibende Speicherkapazität Mitte Mai ausgeschöpft sein wird. Entsprechend müsste die Förderung weiter reduziert werden. Analysten gehen davon aus, dass die Tagesförderung bereits um 2,5 Millionen Barrel gekürzt wurde.


Im Mai drohen dem Iran empfindliche Förderkürzungen (linke Grafik), denn die Lager füllen sich (rechte Grafik). Der Iran könnte aber relativ zügig die Förderung wieder hochfahren, wenn der Krieg vorbei ist.
Gravierender als die Exportausfälle sind dabei die strukturellen Risiken für die Förderinfrastruktur selbst. Bei einem vollständigen Produktionsstopp besteht die geologische Gefahr einer sogenannten Aquifer-Intrusion: Wasser aus tieferen Gesteinsschichten kann in die Öllagerstätten eindringen und diese irreversibel verwässern.
Besonders exponiert sind die seit über fünf Jahrzehnten genutzten Großfelder im Südwesten des Irans, deren Reservoirdruck durch den jahrzehntelangen Förderbetrieb bereits erheblich abgefallen ist. Die sanktionsbedingte Überalterung der Fördertechnik verstärkt diese Vulnerabilität zusätzlich. Eine dauerhafte Schädigung dieser Lagerstätten würde die iranische Förderkapazität strukturell und langfristig beeinträchtigen. Aussitzen kann der Iran die Sperrung daher nicht.