Warum die Gold-Korrektur eine zweite Chance ist

Warum die Gold-Korrektur eine zweite Chance ist

„What a difference a day makes“ – es ist ewig her, dass ich dieses Lied von Dinah Washington gehört habe. Doch irgendwo in den Tiefen meines Kopfes war es abgespeichert und wurde am Donnerstag wieder hochgespült, als die Kurse von Gold und Silber abstürzten.

Vieles kam an dem Tag zusammen: Microsoft hatte schlechte Zahlen gemeldet, was schon mal auf die Stimmung der Investoren drückte. Doch vor allem teilte US-Präsident Donald Trump dem Land und den Finanzmärkten endlich mit, wen er sich als Nachfolger von Jerome Powell an der Spitze der Fed wünscht.

Letztendlich traf er mit der Nominierung von Kevin Warsh eine sehr orthodoxe Wahl. Warsh kennt die Fed und war bereits während der Finanzkrise Gouverneur. Er machte sich damals einen Namen als „Falke“, also als jemand, der eher für eine restriktive Geldpolitik eintritt. Tatsächlich trat er 2011 zurück. Offiziell nannte Warsh keinen Grund, aber viele Beobachter sahen damals in dem Schritt einen Protest gegen das QE-Programm des damaligen Fed-Chefs Ben Bernanke.

Für mich war das Ende der Unsicherheit der Hauptauslöser für die heftige Korrektur. Kevin Hassett als zweiter Favorit für den Spitzenposten hatte nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er ein loyaler Trump-Anhänger ist und die Wünsche des US-Präsidenten erfüllen will. Der Abverkauf des Dollars und die hohen Renditen bei US-Staatsanleihen und eben auch der gestiegene Goldpreis hatten viel mit der Angst der Anleger zu tun, dass mit Hassett als Chef die Inflationsbekämpfung für die Fed eher zweitrangig würde.

Mit Warsh als nächstem Chairman scheint fürs Erste die Gefahr deutlich gesunken, dass die Fed politisiert wird. Entsprechend reagierten die Märkte: Der Dollar wertete auf, der Goldpreis verlor. Die Nominierung zeigt (mal wieder), dass im Polterer und Provokateur Trump mehr Realpolitiker steckt, als manche wahrhaben wollen. Er nimmt sehr wohl wahr, was möglich ist und was nicht. Trump testet, wie weit er gehen kann, und besinnt sich, wenn der Preis zu hoch ist. An den Finanzmärkten wird etwas spöttisch von „TACO“ gesprochen, der Abkürzung für „Trump always chickens out“ (zu Deutsch etwa: Trump kneift, wenn es ernst wird). Mit dieser Taktik hat er es aber bisher ehrlicherweise weit gebracht.

Auch nach dem Preisrutsch bleiben Silber und Gold im Aufwärtstrend (unten). Deutlich schlechter sieht es bei Krypto und beim Dollar aus (oben)

Aber hat dieser Tag wirklich eine „Difference“ gemacht, wie Dinah Washington singt?

Ich glaube nicht. Die Nominierung von Warsh war eher der Katalysator für die längst überfällige Korrektur bei Gold und Silber nach dem rasanten Preisanstieg (siehe vor allem zu Silber meinen Artikel hier). Man darf nicht vergessen: Auf Sicht von zwölf Monaten ist Gold immer noch - trotz des Rücksetzers - knapp 60 Prozent im Plus. Der Markt war völlig überhitzt und eine Korrektur nur eine Frage der Zeit. Gerade bei Silber scheinen darüber hinaus noch ein paar andere Dinge dazugekommen zu sein, wie Andreas Ullmann vom Edelmetallhändler Solit in einem Post bei LinkedIn schreibt.

Der SILBER-CRASH vom 30.01.26 – ein statistisch „unmögliches“ Ereignis – wirklich nur ZUFALL? Nach einem parabolischen Anstieg bei Gold und Silber sahen wir am Freitag einen „schwarzen Schwan“: Gold… | Andreas Ullmann
Der SILBER-CRASH vom 30.01.26 – ein statistisch „unmögliches“ Ereignis – wirklich nur ZUFALL? Nach einem parabolischen Anstieg bei Gold und Silber sahen wir am Freitag einen „schwarzen Schwan“: Gold fiel rund 16% von 5.600 auf 4.700 US‑Dollar je Unze, Silber sogar 37% von 121 auf etwa 75 US‑Dollar – der größte Tagesverlust der Silbergeschichte, ein 10‑Sigma‑Move, der statistisch praktisch NIE auftreten dürfte. 🫣 Doch „unmöglich“ war das offenbar nicht, sondern ein perfekter Sturm: 1️⃣ Extrem überkaufter Markt: +65% Gold und +135% Silber in 2025, dazu seit Jahresbeginn weitere ca. 30% bei Gold und 70% bei Silber in nur vier Wochen; Silber lag rund 20% über dem oberen Bollinger‑Band – eine Korrektur war überfällig. 2️⃣ Explodierende Hebel‑Positionen: Neben Langfristinvestoren drängten Spekulanten über ETFs und Derivate in den Markt. SLV handelte rund 40 Mrd. US‑Dollar Tagesvolumen (statt üblichen ca. 2 Mrd.) – ein klar überhebelter Markt. 3️⃣ Serienweise Margin‑Erhöhungen: Seit November 6 Anhebungen der COMEX, die letzte exakt IN den Crash hinein – am 30. Januar Ankündigung von 11% auf 15% (wirksam 2.2.), nur zwei Tage nach dem Schritt von 9% auf 11%. Das wirkte wie ein BRANDBESCHLEUNIGER für Margin‑Calls. 4️⃣ Papier-Märkte vs. Physische Märkte: Die physisch gedeckte Shanghai Gold-Exchange (SGE) war ab 10:30 Uhr CET im Wochenende. Damit bestimmten LBMA und COMEX – dominiert von Papierkontrakten – den Preis allein. Der Spread zwischen SGE und LBMA weitete sich auf fast 30% aus – der Crash war primär ein Papier‑, kein physischer Marktcrash. 5️⃣ Notice Day an der COMEX: Am „Notice Day“ wird der Lieferpreis für fällige Kontrakte festgelegt – für viele Akteure entscheidend. Unglaubliches „Glück“ 🍀 hatte z.B. JP Morgan, die 633 Short‑Kontrakte (3,16 Mio. Unzen) fast am Tagestief bei rund 78 US‑Dollar schließen konnten. 😉 Unterm Strich: Eine überfällige Korrektur traf auf überhebelte Positionen, kaskadierende Stop‑Orders und verschärfte Margins – ein explosiver Mix, von dem große Player perfekt profitierten. An der physischen Knappheit, den fundamentalen Gründen für den Bullenmarkt und der starken Nachfrage hat sich nichts geändert. Für Anleger bleibt entscheidend: physisch und ungehebelt investieren, Geduld haben – und solche Rückschläge antizyklisch nutzen. BUY THE DIP ist das Motto bei Edelmetallen in den nächsten Monaten!

Denn an den grundlegenden Treibern hinter dem Goldanstieg der vergangenen Monate hat sich nichts geändert und auch der charttechnische Trend ist nach wie vor intakt (siehe Grafik). Das Thema Staatsverschuldung und Inflationsangst bleibt. Die Anleihenmärkte reagierten praktisch überhaupt nicht auf die Nominierung von Warsh. Die Investoren dort wissen um die „Macht des Faktischen“. Angesichts des Schuldenberges der USA kann sich Warsh nicht voll und ganz der Inflationsbekämpfung widmen. Und Trump hat klargemacht, was er vom nächsten Fed-Chef verlangt, nämlich niedrigere Zinsen. Zufall oder nicht: Zuletzt hatte Warsh weit weniger falkenhaft geklungen. Die Märkte haben ihre Zinserwartungen sogar nach unten korrigiert.

Kommt nichts dazwischen, wird Warsh das FOMC-Meeting im Juni leiten. Der Markt geht mehr denn je von einer Zinssenkung aus.

Doch vor allem waren die Käufe der Notenbanken ein wichtiger Treiber für den Goldpreis. De-Dollarisierung, die neuen geopolitischen Rahmenbedingungen, Streben nach mehr Unabhängigkeit, vielleicht sogar die Positionierung für eine Neuordnung des weltweiten Finanzsystems – an den Gründen hat sich nicht viel geändert. Polen hat bekräftigt, seine Reserven von 550 auf 700 Tonnen zu erhöhen. Die Notenbank von Südkorea hat Käufe angekündigt. Zuletzt war sie 2013 am Goldmarkt aktiv. Und auch China ist noch lange nicht fertig. Über 26 Tonnen kaufte die chinesische Notenbank in 2025 und auch die Nachfrage von Privatanlegern aus China ist hoch. Die ETF-Goldbestände dort könnten in diesem Jahr ein neues Rekordhoch erreichen.

Die Deutsche Bank hat daher ihr Kursziel bei Gold von 6.000 Dollar/Feinunze bekräftigt. Auch ich sehe den Absturz jetzt als günstige Nachkaufgelegenheit. Natürlich nicht das ganze vorgesehene Budget auf einmal, denn die nächsten Tage können noch mal turbulent werden, bis sich die Lage stabilisiert. So schmerzhaft der Sturz war – er ist eine Chance, sich zu repositionieren.

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