Vermögen ist mehr als Reichtum
Wir könnten uns viel Unglück ersparen, wenn wir uns auf die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Vermögen“ zurückbesinnen würden. Denn eigentlich hat Vermögen gar nichts mit Geld oder Besitz zu tun. Der Ursprung liegt im althochdeutschen Verb „faramagan“ (ca. 8. Jahrhundert) und dem mittelhochdeutschen „vermügen“.
„Mögen“ bedeutete ursprünglich nicht „etwas gernhaben“, sondern „können“ oder „stark sein“ (verwandt mit dem Wort Macht). Die Vorsilbe „ver-“ diente hier als Verstärkung. „Vermögen“ hieß also schlichtweg: „etwas tun können“ oder „über die Kraft zu etwas verfügen“. Interessanterweise spiegelt sich das heute noch in der Rechtssprache oder gehobenen Sprache wider, wenn wir sagen: „Ich vermag das nicht zu beurteilen“ (ich bin nicht dazu in der Lage).
Ein folgenschwerer Bedeutungswandel
Erst im 15. und 16. Jahrhundert änderte sich die Bedeutung des Wortes. Es wurde spezifischer für die finanzielle Leistungsfähigkeit verwendet. Aus einer persönlichen Fähigkeit wurde eine Bilanzposition. Wenn wir heute von Vermögen oder Vermögensaufbau reden, geht es eigentlich nur noch um materielle Dinge. Es geht um Einkommen, Sparen, Investieren, Aktien, Immobilien und darum, dass die Summe am Ende der Liste möglichst steigt.
Wir haben praktisch komplett vergessen, dass Vermögen ursprünglich mehr als nur Geld und Reichtum war. Um glücklich und selbstbestimmt zu leben, müssen wir das aber wieder verinnerlichen. Es geht nicht nur um „haben“, es geht auch um „können“. Wir brauchen neben dem materiellen auch immaterielles Vermögen.