Weg an die Fed-Spitze frei: Kevin Warsh und die riskante neue Geldpolitik

Weg an die Fed-Spitze frei: Kevin Warsh und die riskante neue Geldpolitik
Kevin Warsh; Quelle: Imago

Es ist die Woche der Zentralbanken: EZB und Fed werden über die Zinshöhe beraten. Mit einer Änderung rechnet keiner der Experten. Noch besteht die Hoffnung, dass der Ölpreis-Schock nur vorübergehend ist und keine Zweitrunden-Effekte hat. Allerdings zeigt sich bereits in China, wie sich das teure Öl abseits der Tankstellen bemerkbar macht. Exporteure haben die Preise für Produkte von Badebekleidung bis hin zu Klimaanlagen angehoben, da der Iran-Krieg die ölgebundenen Inputkosten steigen lässt.

Chinas Exporteure heben in einigen Produktkategorien die Preise an

Auch der Goldpreis signalisiert die Sorge, dass die Notenbanken die Zinsen anheben müssen. In den letzten sieben Tagen hat er fast vier Prozent verloren.

Die Fed durch diese schwierige Lage zu steuern, wird aber nicht mehr die Aufgabe von Jerome Powell sein. Die Sitzung am Mittwoch dürfte seine letzte als Fed-Chef sein. Der Weg für seinen Nachfolger Kevin Warsh ist frei. Senator Thom Tillis hat seinen Widerstand im Senate Banking Committee aufgegeben. Zuvor hatte das Justizministerium die Ermittlungen gegen Powell, wie von Tillis gefordert, eingestellt.

Damit steht die Mehrheit für Warsh. Morgen (Mittwoch) soll er von dem Ausschuss gewählt und Anfang Mai (also möglicherweise schon nächste Woche) vom Senat bestätigt werden. Infolgedessen könnte Warsh bis zum 15. Mai vereidigt werden und nahtlos seinen Vorgänger Jerome Powell beerben. Eine Übergangslösung wäre also nicht mehr nötig. Das bedeutet, dass morgen Powells letzte offizielle Amtshandlung als Vorsitzender des FOMC im Rahmen einer FOMC-Zinsentscheidung sein könnte. Die nächste Sitzung am 16. und 17. Juni würde dann schon unter dem neuen Chair Kevin Warsh stattfinden.

Mit Warsh steigt die Wahrscheinlichkeit für niedrigere Zinsen

Die Investoren werden aus meiner Sicht bald merken, dass unter Warsh ein anderer Wind weht. Der Finanzexperte, der selbst bereits einmal Mitglied des Fed-Gouverneursrats war, hat sich zuletzt regelmäßig für niedrigere Zinsen ausgesprochen. Warsh argumentiert, der Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) steigere die Produktivität der Wirtschaft und damit ihr Wachstum, senke aber gleichzeitig den Inflationsdruck. Damit dürfte er die Diskussion im geldpolitisch entscheidenden Offenmarktausschuss so beeinflussen, dass der Weg frei wird für Zinssenkungen. Möglich sind zwei Zinssenkungen im zweiten Halbjahr 2026. Zusätzliche Unterstützung erhält Warsh, weil die inflationären Effekte aus der Einführung neuer Importzölle unter US-Präsident Donald Trump im Sommer auslaufen dürften.

Das KI-Argument ist allerdings sehr wackelig und könnte ein Scheinargument sein, um dem Wunsch von US-Präsident Trump nach niedrigeren Leitzinsen nachzukommen. Denn mit diesem Argument setzt die US-Notenbank schon im Vorgriff auf erst noch nachzuweisende Effekte eine fundamental nicht gerechtfertigte lockere Geldpolitik um, was ihre Unabhängigkeit untergräbt. Anders ausgedrückt: Unter Warsh wird die Fed ihr Mandat weniger auf der Basis von harten Daten ausführen, sondern vielmehr nach dem Prinzip Hoffnung.

Kurzfristig gut für Aktien

Schätzt die US-Notenbank unter Warsh die Lage falsch ein, kann dies im ungünstigen Fall mittel- bis längerfristig dazu führen, dass sich Inflationspotenzial anstaut. Das müsste mit einer restriktiveren Geldpolitik wieder eingehegt werden und verursacht finanzpolitische Folgekosten. Daher ist die Neuausrichtung der Fed unter Warsh ein zweischneidiges Schwert für die Finanzmärkte. Kurzfristig wird die lockere Geldpolitik Risikoanlagen wie Aktien beflügeln, längerfristig könnte aber Katerstimmung aufkommen. Denn Zweifel an der Unabhängigkeit der US-Notenbank und damit verbunden ein Anziehen der Inflationserwartungen könnten zu höheren Zinsen am „langen Ende“ führen. Damit könnten sich die Finanzierungskosten nicht nur des Staates, sondern auch von Unternehmen erhöhen und kontraproduktiv wirken.

Kevin Warsh dürfte als Fed-Vorsitzender noch ein anderes Thema vorantreiben: Der Bilanzabbau, also das Quantitative Tightening (QT), rückt unter ihm wieder stärker in den Fokus. Aktuell ist die Überschussliquidität im Bankensystem weitgehend abgeschöpft. Es braucht also regulatorische Vorbereitungen, um durch einen weiteren Bilanzabbau der Fed keine unerwünschten Marktturbulenzen auszulösen. Warsh dürfte sich dafür einsetzen, dass Anforderungen zur Eigenkapitalunterlegung bei Finanzinstituten gelockert werden und so neue Überschussreserven im Finanzsystem entstehen. Diese lassen sich dann von der Fed abschöpfen. Im Laufe des Jahres 2027 könnte das passieren. Da gleichzeitig die Zinspolitik locker bleibt, dürften in der Kombination die Finanzierungskonditionen in den USA weiter unterstützend bleiben.

Geht Powell oder bleibt er noch?

Offen ist allerdings noch, ob Powell sich aus dem Board of Governors zurückzieht. Er könnte auch seinen Sitz als Governor im Board bis zum Ende der Amtszeit 2028 beibehalten. Dann könnte er zum Leidwesen des US-Präsidenten die Geschicke der Geldpolitik weiter aktiv beeinflussen und eine „falkenhafte“ Stimme im Board bleiben, was Zinssenkungen in Zukunft erschweren könnte.

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