Machtwechsel bei der Fed: Was auf Anleger zukommt

Machtwechsel bei der Fed: Was auf Anleger zukommt
Kevin Warsh; Quelle: Imago

Die mächtigste Notenbank der Welt bekommt einen neuen Chef. Es sind nur noch wenige Tage. Am 15. Mai übernimmt Kevin Warsh den Fed-Vorsitz von Jerome Powell. Es ist ein Wechsel in einer schwierigen Phase: Die Fed verfehlt seit nunmehr fünf Jahren ihr Inflationsziel von zwei Prozent. Zuletzt legte die Teuerung im Jahresvergleich um 3,8 Prozent zu. Mehr noch: Es zeigen sich immer stärkere Meinungsunterschiede im Offenmarktausschuss und die Unabhängigkeit der US-Notenbank ist durch die ständigen Angriffe der Trump-Administration gefährdet.

Was ist vom neuen Fed-Chef zu erwarten? Auf Basis von Interviews und seiner Anhörung vor dem Bankenausschuss des US-Senats lässt sich ableiten, welche Geldpolitik Warsh anstrebt und wie er damit die Finanzmärkte in den nächsten Jahren prägen könnte.

Wie ist der Blick auf die Inflation?

Kevin Warsh gibt der Fed die Schuld an der überhöhten Inflation der letzten Jahre. Diese sei auf "unkluge Entscheidungen" der Fed unter Jerome Powell zurückzuführen, wie Warsh in seinem Meinungsartikel im „Wall Street Journal“ im letzten Herbst ausführte. Die Fed solle ihr Dogma aufgeben, dass Inflation dadurch entstehe, dass die Wirtschaft zu stark wachse und Arbeiter zu hohe Löhne bekämen. Vielmehr werde Teuerung ausgelöst, wenn die Regierung zu viel ausgibt und zu viel Geld drucke.

Was den Ausblick für die Inflation anbetrifft, scheint er aber optimistischer als viele der aktuellen Fed-Mitglieder. Und dies sei nicht zuletzt auf die seiner Ansicht nach produktivitätssteigernden Folgen der Einführung von Künstlicher Intelligenz (KI) zurückzuführen – Effekte, die Warshs Meinung nach durch die Deregulierung und Steuerpolitik der Trump-Administration Rückenwind erhielten.

Allgemein sieht er die Inflation daher auf dem richtigen Weg. Warsh streicht vor allem die inflationsdämpfenden Effekte des zu erwartenden technischen Fortschritts heraus. Dies erscheint uns zwar nicht komplett falsch, aber etwas einseitig. So lässt Warsh dabei die strukturellen Gegenwinde, wie die Demographie oder die durch außenpolitische Konflikte verursachte Deglobalisierung unter den Tisch fallen.

Was die Berechnung der Inflation betrifft, bezweifelt Warsh, dass der gebräuchlichste Maßstab zur Bewertung des unterliegenden Inflationstrends – die Inflationsrate ohne die oft stark schwankenden Nahrungs- und Energiepreise – der beste Maßstab ist. Er hält einen Ansatz für besser, der die extremsten Preisveränderungen nach oben wie nach unten eliminiert, ohne Rücksicht darauf, welche Gütergruppe das gerade betrifft ("Trimmed Mean").

Welches Inflationsmaß darf es sein? Die Teuerung lässt sich auf vielfältige Arten messen - je nachdem, was man reinrechnet und was nicht.

Wie schrumpft man die Bilanz?

Einer der wichtigsten Kritikpunkte Warshs ist, dass die Fed den Umfang ihrer Geschäftstätigkeit immer mehr ausgeweitet habe, was sich vor allem in der aufgeblähten Bilanz der Notenbank zeige. Die Fed habe es versäumt, nach der Finanzkrise von 2008 die aufgekauften Anleihen zügig wieder abzugeben. Vielmehr sei sie in die nächste Krise mit einer ohnehin schon großen Bilanz hineingegangen und habe diese noch einmal ausgedehnt. Dies führe zu Verzerrungen an den Märkten, und die Fed begebe sich damit immer mehr in Aufgabengebiete, die eigentlich der Fiskalpolitik vorbehalten seien. Es sei daher kein Wunder, dass es dann Bestrebungen im Kongress gebe, die Fed an eine engere Leine zu legen.

Die Bilanzsumme der Fed ist in Relation zum BIP bereits deutlich geschrumpft, aber immer nicht höher als vor der Finanzkrise

Hier hat Warsh zweifellos einen Punkt. Unabhängigkeit setzt in der Tat voraus, dass sich eine Zentralbank streng an ihr Mandat hält und nicht in anderen Politikbereichen tätig wird. Nur dann ist in einer Demokratie zu vertreten, dass die gewählten Vertreter des Volkes auf Kontroll- und Eingriffsrechte verzichten.

Allerdings ist der Bilanzabbau ein sensibles Thema. Agiert die Fed hier nicht mit Augenmaß, sind Marktverwerfungen zu erwarten. Es wird daher spannend zu sehen sein, wie Warsh sein Ziel erreichen will.

Wie steht es mit der Unabhängigkeit der Fed?

Jerome Powell hat die Unabhängigkeit der Fed mit Zähnen und Klauen gegen den Präsidenten verteidigt. Warsh will den Konflikt zwischen Notenbank und Politik längerfristig entschärfen, indem er die Fed wieder "kleiner" macht. Damit würden sich viele der Reibungsflächen mit der Politik verringern, so die Hoffnung.

Der Rang der Unabhängigkeit ist für Warsh wohl bei geldpolitischen Entscheidungen im engeren Sinne – für ihn im Wesentlichen Entscheidungen über die Leitzinsen – am höchsten. Bei Fragen der Aufsicht und Regulierung scheint er dagegen durchaus zu Kompromissen bereit.

Die Frage ist allerdings, ob eine viel stärker politisch beeinflusste Regulierungspraxis nicht irgendwann negative Rückwirkungen auf die Geldpolitik haben kann. Warsh kann hier aber anführen, dass die starke Stellung der Fed in Regulierung und Aufsicht Krisen nicht unbedingt verhindert hat, wie sich im Zuge der Weltfinanzkrise oder in jüngster Zeit durch den Zusammenbruch der Silicon-Valley-Bank gezeigt hat.

Es fällt aber auf, dass Warsh in vielen wichtigen Themenfeldern Positionen vertritt, die den Ansichten von Regierungsvertretern nahestehen. Mit Präsident Trump teilt er die Meinung, dass sich die Inflation auf dem richtigen Weg befindet, mit Finanzminister Bessent die Kritik an QE. Und es fällt weiter auf, dass sich Warsh bei demokratischen Präsidenten immer für eine restriktivere Geldpolitik starkgemacht hat, dies bei Trump aber offenbar anders sieht. Dies wirft einige Fragen auf, wie entschlossen Warsh die Unabhängigkeit der Notenbank verteidigen wird.

Kann Warsh seine Vorstellungen durchsetzen?

Kevin Warsh wird also mit vielen Ideen sein neues Amt antreten. Aber wird er diese auch durchsetzen können? Das zentrale Direktorium (Board) besteht aus insgesamt sieben Gouverneuren. Am ehesten auf Warshs Linie sind vermutlich die ebenfalls von Trump benannten Gouverneure Chris Waller und Michelle Bowman. Zumindest solange der scheidende Fed-Chef Powell als einfacher Gouverneur im Board verbleibt, dürfte es aber spürbaren Gegenwind seitens der Mehrheit der vier anderen Gouverneure für Warsh geben, zumal auch Waller als exzellenter Ökonom gilt. Im Offenmarktausschuss, in dem zusätzlich auf Rotationsbasis fünf der zwölf regionalen Fed-Präsidenten stimmberechtigt sind, dürften Mehrheiten noch schwieriger zu organisieren sein.

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