Liefert Japan gerade das Playbook für das Schulden-Endspiel?
Die japanische Verschuldung sprengt mit einer Quote von fast 240 Prozent des BIP alle Dimensionen. Sie zeigt zum einen, dass Deutschland und andere Länder wie Frankreich oder die USA mit Schuldenständen zwischen 65 und 120 Prozent des BIP (Stand 2025, Daten des IWF) ihre Möglichkeiten noch längst nicht ausgereizt haben. Bedeutend mehr ist möglich. Sie zeigt zum anderen aber auch: In diesen Höhen wird die Luft dünn.
Denn Japan bricht gerade die Basis für die hohe Verschuldung weg. Die Schuldenexplosion war nur möglich, weil die Inflation jahrzehntelang fast keine Rolle spielte. Japan konnte Schulden auftürmen, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Eine Zeit lang war es sogar das Ziel, mit immer mehr Geld die Inflation anzukurbeln. Die Folgen der geplatzten Immobilienblase hielten Japan im wirtschaftlichen Niemandsland mit geringem Wachstum und sehr niedriger Inflation gefangen.
Doch nun meldet sich die Inflation zurück. Sie lag im vergangenen Jahr bei 2,3 Prozent und dürfte in diesem Jahr im Schnitt bei 1,7 Prozent liegen. Das klingt für uns vielleicht wenig, aber bis zum Jahr 2020 gab es praktisch überhaupt keine Inflation in Japan, die Preise fielen sogar in manchen Jahren. Die japanische Notenbank, die Bank of Japan (BoJ), hat als Reaktion inzwischen ihre Nullzinspolitik beendet. Die Renditen der japanischen Anleihen steigen.

Damit ist klar: Noch profitiert der japanische Staat von den niedrigen Zinsen der Vergangenheit. Doch mit jeder Emission zu den neuen Konditionen steigt die Zinsbelastung mehr und mehr an. Es ist damit nur eine Frage der Zeit, bis die Investoren Zweifel an der Tragfähigkeit der japanischen Schuldenlast bekommen.
Deshalb ist es gerade interessant, was in Japan passiert. Die Regierung beginnt offenbar, Vorsorge zu treffen. Damit meine ich nicht, dass sie plötzlich sparen will. Im Gegenteil: Immer neue Ausgabenprogramme werden angekündigt. Ende 2025 legte die Regierung ein massives Konjunkturpaket mit einem Volumen von umgerechnet 135 Milliarden Dollar auf, der Haushalt fürs Fiskaljahr 2026 hat einen Rekordumfang von umgerechnet 780 Milliarden Dollar.
Die immensen Ausgaben sollen das Wirtschaftswachstum anschieben. Obwohl die absolute Verschuldung steigt, kann damit sogar die Schuldenlast sinken. Wächst die Wirtschaft stärker als die Verschuldung, geht die Schuldenquote in Relation zum Bruttoinlandsprodukt zurück.

Noch interessanter ist aber eine zweite Strategie. Tokio will, dass die Japaner und die Pensionsfonds mehr in der Heimat investieren. „Eine Priorität besteht darin, Privathaushalte sowie Pensionsfonds, einschließlich des staatlichen Pensionsfonds GPIF (Government Pension Investment Fund), dazu zu ermutigen, ihre Investitionen in japanische Finanzanlagen zu erhöhen. Wir beabsichtigen, politische Maßnahmen zu verfolgen, die dieses Ziel unterstützen“, sagte Japans Finanzminister Satsuki Katayama vergangene Woche.
„Japanische Finanzanlagen“ klingt natürlich erst einmal etwas unspezifisch. Aktien fallen darunter und auch andere Formen von Beteiligungen wie Private Equity. Pensionsfonds investieren allerdings hauptsächlich in Anleihen. Gewaltige Mittel stehen in den Fonds bereit. Allein der GPIF hat ein Volumen von umgerechnet 1,6 Billionen Dollar.
Sollen diese Gelder Japan vor dem Schuldenkollaps bewahren? Katayama wollte zwar nicht sagen, wie diese „politischen Maßnahmen“ aussehen könnten. Aber es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass mit ein bisschen Druck und den nötigen Anreizen hier für neue Nachfrage nach japanischen Staatsanleihen gesorgt werden kann. Ziehen sich ausländische Käufer mehr und mehr zurück, weil es ihnen zu heiß wird, springen eben die japanischen Sparer ein.
Zufall oder nicht: Nach der Ankündigung fiel die Rendite der 10-jährigen japanischen Staatsanleihen so stark wie seit einem Jahr nicht mehr.

Mehr Wachstum und Sparergeld für Staatsanleihen – die japanische Schuldengeschichte verspricht interessant zu werden…