Die richtige Antwort auf ein Problem ist nicht immer eine Lösung

Die richtige Antwort auf ein Problem ist nicht immer eine Lösung

Streit mit einem Kollegen, Ärger in der Schule, Frust über die Anweisungen vom Chef – wenn jemand mit einem Problem zu mir kam (meistens meine Frau), war meine instinktive Reaktion ein guter Ratschlag. Für mich schien es logisch: Probleme müssen gelöst werden. Also überlegte ich, wie man mit dem Kollegen oder dem Chef reden kann. Ich schilderte mögliche Antworten und Strategien und wie man sich beim nächsten Mal besser verhalten könnte.

Ich fand meine Ideen meistens gut – und war verwundert, warum der andere trotzdem nicht aufhören wollte, darüber zu reden. Für mich war die Sache geklärt, das Problem gelöst. Lass uns weitermachen! Doch stattdessen passierte es oft genug, dass ich plötzlich zur Zielscheibe wurde. Warum ich denn so wenig Verständnis zeige?, warf mir meine Frau dann vor. Und so wenig unterstützend bin? Bitte?!? Hatte ich nicht alles getan, mir den Kopf zerbrochen, um zu helfen?

Erst mit der Zeit dämmerte mir: Es geht nicht immer um eine Lösung. Hilfe ist nur eine Option. Manchmal will der Partner oder Freund etwas ganz anderes und braucht etwas ganz anderes. Er will, dass man ihm zuhört – und manchmal vielleicht auch nur in den Arm genommen werden. Helfen, zuhören, umarmen. Etwas prägnanter klingt es auf Englisch: Hear, help, hug.

Hear

Zuzuhören bedeutet, sich auf konstruktive Kommunikation und emotionale Zugewandtheit einzulassen. Der Frust will raus, einfach mal Dampf ablassen. Der Partner oder der Freund will nicht allein mit seinen Gefühlen sein. Er will verstanden und unterstützt werden. Das geht zum Beispiel durch aktives Zuhören wie Nicken oder zustimmende Laute oder Sätze der Anteilnahme wie „Das hat er wirklich gemacht? Nicht dein Ernst!“

„Zuhören“ bedeutet dabei nicht, wie folgt zu reagieren:

  • Verharmlosen: („Du bist doch erst ein Jahr in der Firma, du kannst im Herbst noch einmal eine Beförderung anpeilen, wenn du besser vorbereitet bist.“)
  • Lösen wollen: („Hast du schon mal versucht...“)
  • Der Versuch, zum positiven Denken überzugehen: („Sieh es mal positiv, wenigstens hast du noch deinen Job.“)
  • Dem Partner eine Mitschuld zu geben oder den Kollegen zu verteidigen: („Das war vielleicht auch nicht so geschickt von dir...“)

Hug

Manchmal will sich der Partner aber nicht den Frust von der Seele reden. Es ist zu schmerzhaft oder zu anstrengend, nach den richtigen Worten zu suchen. Er will nur in den Arm genommen werden und mit seinem Ärger nicht alleine sein.

Forschungen mit Gehirnscans zeigen, dass bei Paaren, die sich umarmen, küssen und berühren, eine synchronisierte Gehirnaktivierung als Reaktion auf dieses aufeinander abgestimmte Erlebnis stattfindet. Diese Forschungsrichtung hat ebenfalls belegt, dass unterstützende körperliche und emotionale Nähe Cortisol – das Stresshormon – senkt und Oxytocin erhöht, jenes Hormon, das mit Bindung, Verbundenheit und Vertrauen assoziiert wird.

Offen für eine Lösung

Hear, help, hug – drei verschiedene Reaktionen auf eine Situation. Manchmal ist es auch eine Kaskade: Erst das Zuhören, dann die Umarmung und dann die Hilfe. Erst muss alles raus, um dann offen für Lösungen zu sein und vielleicht auch offen, sein eigenes Verhalten kritisch zu hinterfragen.

Nur: Was ist die richtige Reaktion? Manche Menschen haben es im Gefühl. Ich gehöre leider nicht dazu. Ich habe aber festgestellt, dass es hilft, einfach zu fragen. „Was brauchst du jetzt? Hear, help oder hug?“ Das klingt vielleicht komisch, aber es funktioniert. Herauszufinden, ob der Partner Hilfe, ein offenes Ohr oder eine Umarmung möchte, bedeutet im Grunde zu fragen: „Wie kann ich deine Bedürfnisse erfüllen?“

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