Kommt nach dem Absturz der Inflationsschock?
Die Märkte sind weiterhin auf Richtungssuche. Die Verluste sind allerdings sehr ungleich verteilt. Das Minus an den amerikanischen Börsen hält sich bislang im Rahmen. US-Anleger kommen bislang relativ glimpflich davon. Das verringert den Druck auf US-Präsident Trump, seine Politik zu überdenken. Es sind vor allem die asiatischen Anleger, die gerade eine Menge Geld verlieren. Der südkoreanische Kospi verzeichnete allein am Mittwoch ein Minus von knapp zwölf Prozent.

Von einem solch heftigen Rutsch ist der Dax entfernt. Im Falle einer weiteren Abwärtsbewegung wären 23.400 Zähler den nächsten nennenswerten Unterstützungsbereich. Die nächste entscheidende Schwelle wäre die psychologisch wichtige Marke von 23.000 Punkten. Im Juni letzten Jahres rund um den US-Militärschlag auf die iranischen Nuklearanlagen war dieser Bereich das Ende einer ausgeprägten Abwärtsbewegung.
Teil der Folgenabschätzung der Investoren sind auch die Auswirkungen des Krieges auf die Inflation und die mögliche Reaktion der Notenbanken.
Ein dauerhaft hoher Ölpreis belastet nicht nur die Wirtschaft, sondern kann auch die Preise treiben. Energie ist eine wichtige Komponente der Teuerungsrate. Den letzten Preisschock dürften die meisten noch gut in Erinnerung haben: Nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine schossen die Preise für Öl und Gas nach oben. Die Inflationsrate legte in Deutschland teilweise zweistellig zu. In den USA war das Bild ähnlich. Mit massiven Zinserhöhungen steuerten die Notenbanken gegen und lösten damit einen heftigen Kursrückgang aus.


Die Auswirkungen eines dauerhaft höheren Ölpreises von 108 und 80 Dollar je Barrel
Droht dieses Mal ein ähnliches Szenario? Der Anstieg der Öl- und Gaspreise heißt erst einmal nichts Gutes. Allerdings sind wir noch weit von den Niveaus aus dem Jahr 2022 entfernt. Zu dem Inflationsschock trug damals auch die besondere Corona-Situation bei. Gerade die US-Regierung hatte großzügig Geld verteilt, das nach dem Ende der Pandemie plötzlich ausgegeben wurde. Die hohe Nachfrage stieß auf ein viel zu geringes Angebot. Das trug maßgeblich zum Preisanstieg bei.

Nichtsdestotrotz fürchtet eine zunehmende Anzahl von Anlegern ein ähnliches Szenario. Denn neben einem steigenden Ölpreis drohen Lieferkettenprobleme, da auch viele Containerschiffe feststecken. Anzeichen für die wachsenden Inflationssorgen sind die steigenden Anleihenrenditen. US-Staatsanleihen bewegen sich nach oben, obwohl sie als „Safe Haven“ von der Unsicherheit profitieren müssten. Das Gleiche gilt für Bundesanleihen.

Zu sehen ist die Neubewertung auch an den Zinserwartungen. Für die Dezember-Sitzung der Fed rechnen mittlerweile weniger Marktteilnehmer mit sinkenden Zinsen als noch vor einem Monat. Die implizierte Wahrscheinlichkeit auf Basis von Fed-Futures, dass die Zinsen dann weiterhin auf dem aktuellen Niveau sind, stieg von 8,7 auf 11,5 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit für einen Zinssatz in der Region 2,75 bis 3,0 Prozent sank dagegen von 21,5 auf 18,1 Prozent.

Die Dezember-Sitzung ist natürlich noch eine Weile entfernt und die Markterwartungen können sich auch wieder ändern. Ein Inflationsschock ist längst nicht ausgemacht. Entscheidend dafür ist, wie lange der Ölpreis hoch bleibt und ob es zu Zweitrundeneffekten kommt. Sollten die Unternehmen die höheren Preise nicht weitergeben, werden die Notenbanken durch einen zeitweisen Anstieg „hindurchschauen“ und mehr auf die Kerninflation achten, welche die Energiepreise ausklammert.
Die Sorge vor höheren Zinsen als erwartet ist allerdings auch ein wichtiger Faktor, um die aktuelle Richtungssuche der Märkte zu verstehen.