Für jedes Problem gibt es sieben Lösungen

Für jedes Problem gibt es sieben Lösungen

Gründe für Unzufriedenheit gibt es viele. Ich glaube, ein wichtiger Grund ist, dass wir oft unzufrieden mit den Entscheidungen sind, die wir treffen. Wir wählen meist nicht die beste Lösung für ein Problem, sondern die erstbeste. Mit den Konsequenzen müssen wir dann leben. Früher oder später bedauern wir unsere Entscheidung – und die Unzufriedenheit wächst. Hier kann dir eine wichtige gedankliche Maxime helfen: Für jedes Problem gibt es sieben Lösungen.

Warum ausgerechnet sieben? Es ist eine psychologische Barriere. Dein Gehirn ist ein Energiesparer. Eine funktionierende Lösung zu finden, löst sofort eine Belohnungsreaktion aus. Du spürst Erleichterung und hakst das Problem ab. Doch genau hier schnappt die Falle zu: Wir geben uns mit „gut genug“ zufrieden, während das „Exzellente“ nur zwei Gedankenschritte weiter entfernt gelegen hätte.

Die ersten zwei oder drei Lösungen sind meist die naheliegenden – jene, die auf deinen Erfahrungen und Konventionen basieren. Sie sind sicher, aber selten innovativ. Die Lösungen vier und fünf sind schon mühsamer, hier fängst du an zu kombinieren. Wenn du dich jedoch zwingst, bis zur siebten Lösung weiterzugehen, passiert etwas Spannendes: Du erschöpfst dein Standard-Repertoire. Du musst anfangen, querzudenken und Annahmen infrage zu stellen, die du zuvor für unumstößlich hieltest.

Dein Fahrplan zu den sieben Lösungen

Ein Schema, um tatsächlich sieben verschiedene Wege zu finden, könnte so aussehen:

  1. Die Offensichtliche (Der Standard): Was würde jeder tun? (Das ist meistens deine erste Idee).
  2. Die Minimalistische (Weg des geringsten Widerstands): Was passiert, wenn du fast gar nichts tust? Oft lösen sich Probleme durch Abwarten oder das Streichen einer Komponente.
  3. Die Radikale (Tabula Rasa): Was wäre, wenn du das ganze System einreißt und völlig neu beginnst?
  4. Die Umkehrung (Inversion): Wenn du Ziel X erreichen willst – was müsstest du tun, um X aktiv zu verhindern? Das deckt gefährliche Denkfehler auf.
  5. Die Delegierte (Die soziale Lösung): Wer hat das Problem schon gelöst? Kannst du die Lösung einkaufen oder jemanden um Hilfe bitten?
  6. Die Hybride (Die Synthese): Wie lassen sich zwei der vorherigen Ansätze kombinieren, die eigentlich unvereinbar scheinen?
  7. Die Absurde (Der kreative Sprung): Was wäre eine Lösung, die völlig verrückt klingt? Hier entstehen oft die bahnbrechendsten Innovationen.

Erst fächern, dann fokussieren

Dieser Prozess nutzt das divergente Denken. In der Kreativitätsforschung beschreibt dies die Fähigkeit, sich von einem Ausgangspunkt in viele verschiedene Richtungen zu bewegen. Erst wenn du diesen Fächer weit aufgespannt hast, setzt du das konvergente Denken ein, um die beste Lösung auszuwählen. Vielleicht stellen wir dann fest, dass die erste Lösung tatsächlich die beste ist, vielleicht ist es aber auch Lösung vier oder sogar erst Lösung sieben. Das Wichtige ist: Wir haben mehr Optionen.

Das Problem im Alltag: Wir schalten das bewertende, konvergente Denken viel zu früh ein. Wir sagen: „Das klappt eh nicht“ und ersticken die Kreativität. Ein typischer Satz in Diskussionen ist: „Hast du eine bessere Idee?“ Fällt uns spontan keine ein, stimmen wir einer schlechten Idee zu. Dabei wäre es klüger, die Entscheidung zu vertagen, bis jeder den „7-Lösungen-Prozess“ durchlaufen hat.

Warum unser Gehirn uns ausbremst

Schuld daran ist die Architektur unseres Denkens. Daniel Kahneman unterscheidet hier zwei Systeme:

System 1 ist ein Überlebenskünstler, aber oberflächlich. Da es keine Energie verbraucht, schlägt es dir Lösungen so überzeugend vor, dass du sie oft ungeprüft übernimmst. System 2 hingegen ist faul. Du hast vielleicht schon bemerkt, dass dir gute Argumente in einer Diskussion erst Stunden später einfallen – das ist der Moment, in dem System 2 endlich hochgefahren ist.

Die Suche nach sieben Lösungen ist ein Training für dein System 2. Es fühlt sich anstrengend an – wie Muskelkater im Kopf –, aber genau dann verlässt du die Pfade der Intuition und betrittst echtes Neuland.

Ein Beispiel: „Zu wenig Zeit für Sport“

  • Lösung 1 (Offensichtlich): Fitnessstudio-Anmeldung (und nach zwei Wochen nicht mehr hingehen).
  • Lösung 2 (Minimalistisch): 5 Kniebeugen beim Zähneputzen.
  • Lösung 3 (Radikal): Auto verkaufen, nur noch Rad fahren.
  • Lösung 4 (Umkehrung): Bewusste „Faulheits-Zeiten“ planen, bis der Bewegungsdrang von selbst kommt.
  • Lösung 5 (Delegiert): Personal Trainer buchen oder einer Laufgruppe beitreten.
  • Lösung 6 (Hybrid): Untertisch-Laufband für das Homeoffice.
  • Lösung 7 (Absurd): In den 4. Stock ohne Aufzug ziehen und jeden Einkauf einzeln hochtragen.

Vielleicht ist Lösung 1 am naheliegendsten, aber Lösung 6 oder 3 löst dein Problem nachhaltig.

Sich mit der erstbesten Lösung zufrieden zu geben, ist menschlich, aber oft mittelmäßig. Echte Tiefe beginnt erst hinter der Grenze der Bequemlichkeit. Die Suche nach den sieben Lösung ist anstrengend und kostet Kraft. Gib nicht zu früh auf. Die erste Lösung öffnet vielleicht die Tür, aber die siebte zeigt dir vielleicht, dass du gar keine Tür brauchst, weil du fliegen kannst.

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