Die Reserven neigen sich dem Ende entgegen

Die Reserven neigen sich dem Ende entgegen

Der Ton zwischen den USA und dem Iran hat sich wieder deutlich verschärft. Zwar hält die Waffenruhe, doch die Hoffnung auf eine baldige Öffnung der Straße von Hormus ist verflogen. Spätestens die Gerüchte vom Wochenende, dass sich Israel auf eine Fortsetzung des Krieges vorbereitet, der Iran von keinen nennenswerten Zugeständnissen der USA zur Beendigung des Krieges sprach und US-Präsident Trump (mal wieder) seine Wortwahl verschärfte, dürften allen Marktteilnehmern vor Augen geführt haben, dass das Problem beileibe noch nicht gelöst ist.

Der sinkende Optimismus ist deutlich am Ölpreis zu erkennen: Die Sorte Brent kostet inzwischen wieder über 110 Dollar das Fass. Das ist ein Plus von knapp sechs Prozent in den letzten sieben Tagen. Öl ist inzwischen so teuer wie seit fast zwei Wochen nicht mehr.

Mit dem Anstieg mehren sich auch wieder die Inflationssorgen. Sichtbares Zeichen ist der fallende Goldpreis: Er verlor in den vergangenen sieben Tagen über drei Prozent und nähert sich wieder der Marke von 4.500 Dollar. Die Renditen für zehnjährige US-Staatsanleihen zogen deutlich an: Mit 4,61 Prozent stehen sie so hoch wie seit fast einem Jahr nicht mehr. Inzwischen rechnen mehr und mehr Marktteilnehmer damit, dass die Notenbanken die Zinsen erhöhen werden. Für die EZB ist ein Zinsschritt im Juni fast sicher, bei der Fed liegen die Erwartungen inzwischen bei anderthalb Zinsschritten bis Mitte nächsten Jahres.

Trump schreibt auf Truth Social zwar, dass für den Iran die Zeit abläuft. Das Gleiche könnte man aber auch für die USA sagen. Dass der Ölpreis noch nicht deutlich höher steht, liegt auch daran, dass die USA ihre Exporte deutlich ausgeweitet haben. In Anlehnung an die Fed („Lender of Last Resort“) könnte man die Vereinigten Staaten gerade als „Oil Supplier of Last Resort“ bezeichnen.

Die USA haben ihre Ölexporte massiv erhöht und gleichen dadurch die ausfallenden Lieferungen durch die Blockade der Straße von Hormus etwas aus

Die Ausweitung hat natürlich etwas mit der Schiefergas-Produktion in den USA zu tun, aber auch damit, dass Trump bereit ist, in einem kaum gekannten Ausmaß auf die Reserven zurückzugreifen. Letzte Woche brachten die USA täglich mehr als 1,23 Millionen Barrel aus der strategischen Ölreserve (Strategic Petroleum Reserve, SPR) auf den Markt – das höchste wöchentliche Volumen aller Zeiten. Damit lag die Menge deutlich über den Vorhersagen von Zweiflern, die behauptet hatten, dass die Notreserve nicht einmal annähernd eine Million erreichen könnte, geschweige denn mehr.

Zu Beginn des Ukraine-Krieges griffen die USA zuletzt im ähnlichen Ausmaß auf die Reserve zurück

Mit den extrem hohen Abflussraten kompensieren die USA durch die Nutzung der SPR die Hälfte ihres Nettoanstiegs bei den Exporten. Washington lässt die Notreserve zudem auf den Weltmarkt gelangen. Barrel aus der SPR sind bereits auf dem Weg in die Niederlande, nach Italien und in die Türkei.

Der Finanzinformations-Dienstleister Bloomberg rechnet vor, dass bei der momentanen Menge die Vorräte noch bis maximal Anfang September reichen. Dann wären die Reserven „bis auf den letzten Tropfen“ erschöpft. Stiege die Rate auf zwei Millionen Barrel, würden die Reserven sogar nur bis Ende Juli reichen.

Aus strategischen Gründen dürfte es Trump aber niemals so weit kommen lassen. Bloomberg hält daher ein anderes Szenario für realistischer:

„Unterm Strich hat Trump wahrscheinlich noch den Rest des Mai und wohl bis in den Juni hinein Zeit, bevor die Kombination aus der schrumpfenden SPR und dem wachsenden Druck auf die kommerziellen Lagerbestände beginnt, Marktängste zu schüren.“

Kann die KI-Euphorie dann noch schlimmere Einbrüche an den Aktienmärkten verhindern? Ich kann es mir nicht vorstellen.

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