Die Renaissance der Lebensmitte: Das war's noch nicht!

Die Renaissance der Lebensmitte: Das war's noch nicht!

Ich bin vor Kurzem auf einen Lebenswochen-Kalender gestoßen. Vielleicht hast du dieses Poster auch schon einmal gesehen. Der Kalender stellt jede Lebenswoche als einen kleinen Kreis dar. Jede Reihe ist ein Jahr. Ich habe ihn ausgefüllt und musste erschrocken feststellen, dass fast die Hälfte des Bildes bereits mit schwarzen Punkten gefüllt ist. Wahrscheinlich ist es sogar mehr als die Hälfte – mal ganz davon abgesehen, dass schon morgen etwas passieren kann. Denn ehrlicherweise weiß ich nicht, was von den späten Lebensjahren zu erwarten ist. Die Chance ist groß, dass ich dann nicht mehr voll auf der Höhe bin, so bitter das auch ist.

Ich bin dennoch zuversichtlich. Ich will mir nicht einreden lassen, dass jetzt der langsame Abstieg beginnt. Im Gegenteil: Die Lebensmitte ist kein langsames Auslaufen, sondern das Ende des „Aufwärmens“.

Warum? Ich habe jetzt die Daten aus zwei Jahrzehnten Erwachsenenleben gesammelt. Diese kann ich - genau wie du deinen Erfahrungsschatz - für ein meisterhaftes Finale nutzen.

Chip Conley, Gründer der Modern Elder Academy, nennt diese Phase die „Chrysalis“ – den Kokon-Zustand, in dem sich die Raupe auflöst, um zum Schmetterling zu werden. Es ist eine Zeit des Editierens, des Loslassens und der Neudefinition. Man sortiert sich für die zweite, oft bessere Lebenshälfte neu. Conley sagt dazu: „In der ersten Lebenshälfte geht es darum, sich auszuprobieren, Erfahrungen zu sammeln und Beziehungen zu knüpfen. Uns wird mitgegeben: Probiere dies, mach jenes! Wir sammeln Freunde, Partner, Kinder oder Besitz. In der zweiten Lebenshälfte geht es dann aber darum, an sich selbst zu arbeiten. Darum, herauszufinden, was einem wirklich wichtig ist.“

Diese Fragen können dabei helfen:

1. Was will ich noch erreichen?

Bisher haben wir vielfach nur in den Tag hineingelebt. Zeit schien reichlich vorhanden zu sein. Warum also groß planen? Doch nun müssen wir uns bewusster überlegen, was wir noch erleben, sehen und machen wollen. Es ist Zeit, aus dem „Autopiloten“ des Alltags auszubrechen. Ich rede hier aber nicht einfach von einer klassischen Bucket-Liste, die oft nur eine wahllose Zusammenstellung von Dingen ist. Ich rede davon, eine solche Liste sinnvoll zu organisieren.

In die Mailänder Scala kannst du auch noch mit 70 Jahren gehen. Den West Highland Way von Glasgow nach Fort William zu laufen, klappt wahrscheinlich eher früher als später. Das heißt: Ordne deine Wünsche konkreten Zeitabschnitten in den nächsten Jahren zu. Ein Abschnitt kann zum Beispiel fünf Jahre lang sein. So sinkt die Gefahr, dass das Alter dir einen Strich durch die Rechnung macht.

2. Was kann ich weglassen?

Chip Conley vergleicht die erste Lebenshälfte mit dem Anhäufen von Dingen. Wir verbringen Jahrzehnte damit, Identitäten und Verpflichtungen zu sammeln. Jetzt ist es Zeit, den Ballast abzuwerfen. In der zweiten Lebenshälfte geht es ums Editieren. Frage dich nicht, was du noch hinzufügen musst, sondern was du weglassen kannst. Welche Verpflichtungen und Ambitionen passen nicht mehr zu der Person, die du heute bist? Streiche alles, was du zwar kannst, aber nicht mehr willst.

Man erkennt, dass man nicht alles sein kann. Editieren heißt hier, sich von den „Ich sollte eigentlich...“-Gedanken zu verabschieden. Es geht darum, die Kluft zwischen dem idealisierten Selbst und dem tatsächlichen Selbst zu schließen. Wenn man aufhört, Rollen zu spielen, die man gar nicht besetzen will, wird Energie für das frei, was wirklich zählt. Das Ziel: Relevant bleiben, ohne sich verstellen zu müssen.

Conley nutzt zur Veranschaulichung das Bild des Bildhauers: „Der Bildhauer erschafft die Statue nicht, indem er etwas hinzufügt, sondern indem er den überflüssigen Stein weghaut, bis die Figur, die schon immer im Block war, zum Vorschein kommt.“

3. Mache ich wirklich, was ich will?

Viele Menschen werden zu Beginn ihrer beruflichen Laufbahn von äußeren Faktoren wie dem Druck der Eltern oder gesellschaftlichen Normen beeinflusst. Das kann dazu führen, dass sie Karriereentscheidungen eher für andere als für sich selbst treffen. Wenn du die Mitte deiner Karriere erreicht hast, ist es an der Zeit, sich von den Erwartungen anderer zu lösen.

Tritt einen Schritt zurück und betrachte deine Situation objektiv. Frage dich zum Beispiel: Passt deine aktuelle Rolle zu deinen Werten und dem Lebensstil, den du führen möchtest? Wenn du nur die Träume deines 25-jährigen Ichs verwaltest, machst du nicht das, was du heute willst.

Womöglich kannst du jetzt auch freier entscheiden, weil sich die familiäre Situation geändert hat. Die Kinder sind größer und brauchen weniger Hilfe. Du musst weniger Rücksicht nehmen und weniger Kompromisse eingehen. Wichtig bei der Neuorientierung: Definiere dich nicht über Jobtitel. Frage dich stattdessen (wie die Karriere-Expertin Ebony Joyce rät): „Welches Problem löse ich besser als jeder andere, weil ich 20 Jahre Erfahrung mitbringe?“ Deine Erfahrung ist kein Ballast, sondern ein Premium-Asset.

Der Psychiater David Viscott hat einmal gesagt: „Das Ziel des Lebens ist es, die eigene Gabe zu erkennen. Unsere Lebensaufgabe besteht darin, sie zu entwickeln. Und der Sinn unseres Lebens ist es, sie weiterzugeben.“

Blicke zuversichtlich nach vorne

Forscher wie David Blanchflower und Andrew Oswald haben Daten aus über 130 Ländern analysiert. Das erstaunliche Ergebnis: Die Entwicklung der Zufriedenheit im Laufe des Lebens gleicht einem U – unabhängig von Kultur, Wohlstand oder Familienstand. Entgegen dem Klischee vom „bitteren Alter“ steigt die Kurve ab 50 Jahren wieder steil an. Viele Menschen über 60 berichten von einer höheren Lebenszufriedenheit als 20-Jährige

Grafik aus der Forschungsarbeit von David Blanchflower

Falls du mit Mitte 40 einen Hänger hast, ist das keine Fehlentwicklung deines Lebens, sondern ein Umbauprozess. Man muss das Tal durchwandern, um auf den nächsten Gipfel zu gelangen. Je besser man die Weisheit und Erfahrung des bisherigen Lebens nutzt, desto besser kann man gestalten, was noch kommt.

Jetzt kostenlos testen