Der wahre KI-Engpass heißt Kupfer
Viele Anleger verbinden den Hype um Künstliche Intelligenz mit Halbleitern, Software und viel Rechenleistung durch Chips. Doch diese Sicht greift zu kurz. Hinter jeder KI-Anwendung steht eine gewaltige physische Infrastruktur aus Rechenzentren, Stromnetzen und Kühlsystemen.
Während Anleger gebannt auf die neuesten KI-Chips von Nvidia blicken, könnte ein deutlich unscheinbarer Faktor über das Tempo der KI-Revolution entscheiden: Kupfer. Denn ohne Stromnetze und Transformatoren bleiben selbst die leistungsfähigsten Chips wirkungslos.
Unterschätzte Infrastruktur hinter dem KI-Boom
Laut der Global Research der Bank of America verschlingen KI-Rechenzentren bis zu 75 Tonnen Metall je Megawatt. Überraschend dabei: Nur ein kleiner Teil entfällt auf Server und Schaltkreise. Der Großteil wird für die Infrastruktur und weitere Peripherie rund um die Rechenzentren benötigt.
Gleichzeitig soll der Stromverbrauch von KI-Rechenzentren laut Schätzungen der Unternehmensberatung McKinsey bis 2030 auf mehr als 150 Terawattstunden (TWh) steigen. Auch in Deutschland macht sich der wachsende Energiebedarf von Rechenzentren bereits bemerkbar. Nach Angaben der Bundesregierung entfallen inzwischen mehr als vier Prozent des gesamten Stromverbrauchs auf diese Einrichtungen. In Städten wie Frankfurt, dem größten Rechenzentrumsstandort Deutschlands, liegt der Anteil sogar bei rund 40 Prozent des lokalen Strombedarfs. Mit dem weiteren Ausbau der KI-Infrastruktur dürfte sich dieser Wert bis 2037 verdoppeln, wie die Bundesnetzagentur warnt.
Kupfer – das Nervensystem der digitalen Welt
Aufgrund seiner hervorragenden elektrischen Leitfähigkeit bei geringen Kosten wird Kupfer in der Industrie häufig eingesetzt. Das Halbedelmetall wird primär für leistungsstarke Stromschienen, schwere Transformatorenkabel, großdimensionierte Notstrom-Batterien und komplexe Rohrsysteme zur Kühlung verwendet. Prognosen zufolge könnten KI-Rechenzentren bis 2030 bereits rund zwei Prozent der weltweiten Kupfernachfrage beanspruchen. Bedeutet also: Ohne Kupfer fließt kein Strom – und ohne Strom keine künstliche Intelligenz.
Insbesondere in Nordamerika und China steigt der Kupferbedarf durch den Ausbau von KI-Infrastruktur deutlich an. In China könnte der netzseitige Ausbau sogar für rund die Hälfte des gesamten Wachstums der Kupfernachfrage verantwortlich sein. Denn der steigende Strombedarf neuer Rechenzentren erfordert umfangreiche Investitionen in Stromnetze, Transformatoren und Übertragungsleitungen.
Unermesslicher Rohstoffhunger
Auch der Bedarf an Aluminium wird laut der Analyse der Bank of America kräftig zulegen. Bis 2030 könnte die Nachfrage auf rund 695 Kilotonnen steigen und sich damit gegenüber dem heutigen Niveau mehr als verdoppeln. In Rechenzentren wird das Leichtmetall vor allem für Gehäuse, Serverracks und Kühlkörper verwendet.
Weitere Spezial- und Edelmetalle sind ebenfalls unverzichtbar: Lithium und Blei werden für großskalige Batterie-Backup-Systeme benötigt, während Zinn unter anderem in leistungsstarken Magneten für Kühlventilatoren und Festplatten zum Einsatz kommt.
Profiteure des Kupferbooms
Während sich viele Investoren auf Nvidia, Microsoft oder andere KI-Giganten konzentrieren, könnten die eigentlichen Gewinner des Infrastrukturbooms deutlich weniger bekannt sein. Die Bank of America hat 67 Unternehmen identifiziert, die vom Ausbau von Rechenzentren profitieren könnten. Gemeinsam sind sie rund 5,5 Billionen Dollar wert.
Einer dieser Profiteure ist der chinesische Kupferkonzern Jiangxi Copper. Da Kupfer für Stromnetze, Transformatoren und Rechenzentren unverzichtbar ist, könnte die steigende Nachfrage dem Unternehmen zusätzlichen Rückenwind verleihen.
Auch Europas Industrie bietet interessante Kandidaten. Der norwegische Konzern Norsk Hydro zählt laut Bank of America zu den aussichtsreichsten Profiteuren. Als Produzent von Aluminium und Betreiber eigener Energieerzeugungskapazitäten bedient das Unternehmen gleich zwei zentrale Bausteine der KI-Infrastruktur: Baumaterialien und Energie.
Auf amerikanischer Seite zählt der Stahlproduzent Steel Dynamics zu den zehn aussichtsreichsten Profiteuren des Rechenzentrumsbooms. Das Unternehmen liefert wichtige Baumaterialien für den Bau neuer Rechenzentren und könnte damit direkt vom weltweiten Ausbau der KI-Infrastruktur profitieren.
Ebenfalls in den Top 10 vertreten sind die kanadischen Unternehmen Lundin Mining und Cameco. Während Lundin Mining von der steigenden Nachfrage nach Industriemetallen profitiert, setzt Cameco auf einen anderen entscheidenden Faktor der KI-Revolution: Energie. Als einer der weltweit größten Uranproduzenten könnte das Unternehmen von der wachsenden Nachfrage nach einer stabilen und zuverlässigen Stromversorgung für energiehungrige Rechenzentren profitieren.
Geopolitische Gefahr
Der größte Risikofaktor könnte jedoch nicht der Rohstoffbedarf selbst sein, sondern dessen Verfügbarkeit. Immer mehr rohstoffreiche Staaten setzen auf Exportbeschränkungen, um strategische Metalle für die eigene Wirtschaft zu sichern. Für die westlichen Industrienationen erhöht sich damit das Risiko neuer Abhängigkeiten.
Kommt es infolge geopolitischer Spannungen zu Störungen der Lieferketten, könnte dies den Ausbau der globalen KI-Infrastruktur erheblich verzögern. Die Zukunft der Künstlichen Intelligenz hängt damit nicht nur von besseren Algorithmen und leistungsfähigeren Chips ab, sondern auch von einer stabilen Versorgung mit den Rohstoffen, die ihre physische Infrastruktur erst ermöglichen.