Bevor du "Ja" zu etwas sagst: Erkenne den wahren Preis
Du hat bestimmt schon die Geschichte von Jakob Fugger (1459 bis 1525) gehört: Als zehntes von elf Kindern aus bescheidenen Verhältnissen stammend, arbeitete er sich in dem florierenden Handelsunternehmen seiner Familie hoch. Dabei nutzte er eine seltene Kombination aus gesunder Risikobereitschaft und einem geschärften Blick für attraktive Geschäfte, um immensen Einfluss und Macht anzuhäufen.
Seine Geschäfte waren umfangreich. Jakob Fugger finanzierte Kaiser und Kriege, hielt beinahe ein Monopol auf europäisches Kupfer und besaß Silberminen auf dem gesamten Kontinent. Er war der Geldgeber hinter Ferdinand Magellans Weltumsegelung. Sein Darlehen an Papst Leo X. zur Finanzierung des Baus des Petersdoms löste unwissentlich eine weltbewegende Kette von Ereignissen aus: Die Rückzahlung erforderte einen massiven Ablasshandel, der den Zorn eines Mannes namens Martin Luther erregte, welcher schließlich die protestantische Reformation anführen sollte.
Jakob Fuggers Geld – und damit auch sein Einfluss – prägte den Lauf der Weltgeschichte dramatisch. Zum Zeitpunkt seines Todes besaß er ein geschätztes Vermögen, das nach heutigem Wert 400 Milliarden Dollar entsprechen würde. Sein Erfolg war außergewöhnlich, und nach jedem objektiven finanziellen Maßstab hat Jakob Fugger das „Spiel“ gewonnen. Doch hinter dieser Geschichte steckt mehr, als man auf den ersten Blick sieht.
In seinem Buch „Der reichste Mann der Weltgeschichte“ schrieb Greg Steinmetz über Jakob Fugger allerdings:
„Er hatte nur wenige Freunde, lediglich Geschäftspartner. Sein einziges Kind war unehelich. Seine Neffen, denen er sein Imperium übertrug, enttäuschten ihn. Während er auf dem Sterbebett lag, niemand an seiner Seite außer bezahlten Assistenten, war seine Frau bei ihrem Liebhaber. Aber er war zu seinen eigenen Bedingungen erfolgreich. Sein Ziel war weder Komfort noch Glück. Es ging darum, Geld anzuhäufen bis zum Ende.“
Sein Durst nach finanziellem Erfolg war absolut. Dieses unermüdliche Streben ermöglichte es ihm, in diesem Bereich Beispielloses zu erreichen. Doch mit Blick auf diese Geschichte frage ich mich: Was war der wahre Preis für diesen Erfolg?
Es ist doch so: Unser Leben wird von zwei Faktoren geprägt:
- Die Dinge, die wir wollen.
- Der Preis, den wir zahlen müssen, um diese Dinge zu bekommen.
Oft fokussieren wir uns auf den ersten Punkt und beschäftigen uns nur sehr wenig mit dem zweiten Punkt. Wir denken über all die Dinge nach, die wir wollen, aber berücksichtigen nur selten den Preis, den wir dafür zahlen müssen.
In Wahrheit ist das Leben ein bisschen wie ein Supermarkt. Man geht hinein und vor einem liegt eine unendliche Vielfalt an Dingen. Und genau wie in einem Geschäft hat jeder einzelne Artikel ein Preisschild. Es gibt einen Preis für alles, was man im Leben erreichen will.
Der entscheidende Unterschied zwischen dem Leben und einem Supermarkt ist, dass im Leben das Preisschild lügen kann. Es gibt den Listenpreis, den man sieht, und den wahren Preis, den man nicht sieht:
- Der Listenpreis ist der oberflächliche Preis, den man für die gewünschte Sache zahlt. Es ist das Offensichtliche: die Anstrengung, die harte Arbeit, die Disziplin und die Energie, die erforderlich sind, um diese Sache zu kaufen oder zu verdienen.
- Der wahre Preis liegt unter der Oberfläche. Er ist versteckt. Indirekt. Er wird oft in Form von Kompromissen, Opportunitätskosten und Reue gezahlt. Es sind all die Dinge, zu denen man „Nein“ gesagt hat, indem man zu dieser einen Sache „Ja“ gesagt hat.
Leider ist es so: Viele Dinge im Leben sehen nach dem Listenpreis wie ein tolles Geschäft aus, fühlen sich aber nach dem wahren Preis wie Abzocke an.
Wie können wir verhindern, eines Tages von dem wahren Preis überrascht zu werden? Drei Fragen können helfen, den wahren Preis tiefgreifend zu bedenken, bevor man ihn bezahlen muss.
1. Wozu sage ich Nein, indem ich hierzu Ja sage?
Jedes Ja trägt ein unsichtbares Nein in sich. Die Beförderung, der du nachjagst, bedeutet weniger Zeit für deine Gesundheit oder deine Hobbys. Das neue Geschäftsvorhaben bedeutet weniger Zeit für deine Familie oder Schlaf. Es ist einfach, die Sache zu benennen, die man bekommt; es ist schwieriger, die Sache zu benennen, die man implizit aufgibt.
2. Sind die schmerzhaftesten Kompromisse vorübergehend oder dauerhaft?
Manchmal sieht man sich mit einem schmerzhaft hohen wahren Preis konfrontiert, der jedoch eher vorübergehend als dauerhaft ist. Mit anderen Worten: Er hat ein Ablaufdatum. Du weißt, dass du viele schmerzhafte Kompromisse eingehen musst, aber nur für ein definiertes Zeitfenster.
Diese vorübergehenden Kompromisse sind in den frühen Jahren der Karriere üblich, während man seinen beruflichen und finanziellen „Zinseszins-Motor“ aufbaut. Es kann sinnvoll sein, diese herausfordernde neue Rolle anzunehmen, die viele späte Abende und Reisen erfordert, wenn es ein klares Enddatum und einen erheblichen Vorteil für deine Familie und Stabilität gibt.
Aber hüte dich vor der Falle der vorübergehenden Kompromisse, die dauerhaft werden, wenn die Handlung selbst Teil deiner Identität wird. Zu viele Menschen stürzen sich in die späten Arbeitsnächte im Glauben, es sei nur eine Phase, und finden sich dann in der Identität einer Person wieder, die immer spät arbeitet.
3. Würde ich mein Leben mit der Person tauschen, die das hat, was ich will?
Dies ist die Frage, die für mich alles zusammenführt (und den Bogen zurück zum Anfang dieses Textes spannt). Es geht nicht darum: Will ich das haben, was sie haben? Es geht darum: Würde ich ihr gesamtes Leben wollen, um es zu bekommen?
Jakob Fugger besaß 400 Milliarden Dollar, war der reichste Mann der Welt, starb aber einsam. Das ist das Problem mit Vergleichen. Es ist leicht, auf einer einzigen Ebene zu vergleichen, aber man verliert dabei das vollständige, dreidimensionale Bild aus den Augen. Wenn du die 3D-Version nicht willst, solltest du auch nicht ihrem Pfad zur 2D-Version folgen.