Wo China jetzt an die Spitze will

Wo China jetzt an die Spitze will
Quelle: Getty

Wir beginnen die dritte Woche des Iran-Kriegs. Ich glaube, man kann mittlerweile sagen, dass sich der Konflikt nicht so entwickelt hat wie von US-Präsident Donald Trump gehofft. Statt einen Deal anzustreben, bleibt die Regierung in Teheran hart. Die Straße von Hormus gibt ihr ein mächtiges Druckmittel. Trump steht jetzt vor der Frage: Weiter eskalieren oder aufhören?

Andrew Bishop von Signum Global Advisors fasst dies wie folgt zusammen:

„Präsident Trumps Instinkt bzw. Neigung in einer Situation wie dieser dürfte vermutlich darin bestehen, die Oberhand über den Iran zurückzugewinnen, indem er ihm etwas ‚wegnimmt‘ – wobei die zwei plausibelsten Optionen eine Invasion der Insel Charg und/oder die gewaltsame Wiedereröffnung der Straße von Hormus sind. Das Problem für ihn ist, dass beide Optionen ein extrem schlechtes Chance-Risiko-Verhältnis aufweisen.“

Ich möchte die mögliche Weiterentwicklung im Iran-Konflikt an dieser Stelle aber nicht weiter ausführen. Stattdessen möchte ich den Blick auf China lenken. Denn etwas untergegangen in all den Nachrichten aus dem Nahen Osten ist, dass der Nationale Volkskongress den neuen Fünfjahresplan für den Zeitraum 2026 bis 2030 verabschiedet hat. Es ist mittlerweile der 15. Fünfjahresplan.

Es ist durchaus beeindruckend, in welchen großen Linien die Partei denkt und auch, welche ambitionierten Ziele sie ausgibt. Folgende Bereiche sollen massiv gefördert werden:

1. Künstliche Intelligenz und Digitale Wirtschaft

  • Verkörperte KI (Embodied AI): Dies ist ein neuer Schwerpunkt. Es geht nicht mehr nur um Software (wie Chatbots), sondern um die Integration von KI in physische Roboter für die Industrie und den Dienstleistungssektor.
  • Quantentechnologie: Massive staatliche Mittel fließen in das Quantencomputing und die Quantenkryptografie, um eine abhörsichere Kommunikation und überlegene Rechenleistung zu gewährleisten.
  • 6G-Netzwerke: Während 5G bereits flächendeckend ist, soll China bis 2030 die globale Führung bei der Standardisierung und Einführung von 6G übernehmen.

2. Halbleiter und Hardware-Autarkie

  • Next-Gen-Chips: Angesichts westlicher Exportbeschränkungen liegt der Fokus auf der Entwicklung eigener Lithografiemaschinen und der Produktion von Chips der nächsten Generation (3nm und darunter) sowie spezialisierter KI-Beschleuniger.
  • Neue Materialien: Förderung von Graphen, Supraleitern und spezialisierten Legierungen für die Luft- und Raumfahrt.

3. Grüne Technologien und Energie

  • Wasserstoff-Wirtschaft: Der Plan sieht den Aufbau einer kompletten Infrastruktur für grünen Wasserstoff vor – von der Elektrolyse bis hin zur Nutzung in der Schwerindustrie und im Transportwesen.
  • Kernfusion: China hat seine Ambitionen im Bereich der kontrollierten Kernfusion (künstliche Sonnen) hochgeschraubt und fördert private und staatliche Konsortien, um die Kommerzialisierung voranzutreiben.
  • Energiespeicher: Da Wind- und Solarenergie schwanken, werden neue Batterietechnologien (z. B. Natrium-Ionen- oder Festkörperbatterien) und Pumpspeicherkraftwerke massiv unterstützt.

4. Biomanufacturing und Life Sciences

  • Synthetische Biologie: Hier geht es um die Herstellung von Chemikalien, Kraftstoffen und Medikamenten durch modifizierte Mikroorganismen.
  • Präzisionsmedizin: Förderung von Gen-Editierung (CRISPR) und personalisierten Krebstherapien, um die alternde Gesellschaft medizinisch zu versorgen.

5. „Low-Altitude Economy“ und Raumfahrt

  • Kommerzielle Raumfahrt: China fördert private Unternehmen beim Aufbau von Satelliten-Konstellationen (ähnlich wie Starlink) für globales Internet.
  • Drohnen-Wirtschaft: Die Nutzung des unteren Luftraums für Logistik (Lieferdrohnen) und den Personentransport (eVTOLs) wird durch neue Regulierungen und Infrastrukturinvestitionen gezielt als neuer Wirtschaftsmotor aufgebaut.

Bei diesen Zielen geht es allerdings nicht nur um wirtschaftliche Dominanz. Wichtig ist auch der militärische Nutzen. Ein Kernpunkt des Plans ist die Ausweitung der digitalen Infrastruktur auf das Meer. China plant den Ausbau des sogenannten „Great Underwater Wall“.

  • Sensoren-Netzwerke: Der Plan sieht die großflächige Verlegung von Unterwassersensoren und autonomen Überwachungsstationen vor, die in Echtzeit Daten an KI-gestützte Kommandozentren liefern.
  • 6G und Satelliten-Integration: Die lückenlose Abdeckung des Südchinesischen Meeres mit dem neuen 6G-Standard und dem Beidou-Navigationssystem soll sicherstellen, dass chinesische Einheiten (drohnengestützt und bemannt) eine permanente Informationsüberlegenheit gegenüber den Anrainerstaaten und den USA haben.

Für die Jahre 2026 bis 2030 ist zu erwarten, dass China seine Präsenz im Südchinesischen Meer nicht nur quantitativ (mehr Schiffe), sondern vor allem qualitativ (KI, Sensoren, Drohnen) festigt. Das Risiko für Zwischenfälle steigt, da Peking seine Ansprüche nun mit einer technologischen Überlegenheit untermauert, die im vorherigen Fünfjahresplan so noch nicht existierte.

Hier schließt sich der Kreis zum aktuellen Iran-Krieg. Während der Westen – insbesondere die USA – hier wichtige Ressourcen investieren und Verbündete verprellen, gewinnt China weiter Zeit, um seine Position im Indo-Pazifik zu stärken. Wie schon im Ukraine-Krieg dürfte China auch dieses Mal die Lage im Nahen Osten intensiv verfolgen und seine Schlüsse daraus ziehen.

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