Wie weit wird Trump in der Grönland-Krise gehen?
Bitte festhalten! Es dürfte ein unruhiger Tag an der Börse werden. Alles deutet darauf hin, dass die Grönland-Krise erst heute an den Märkten ihre volle Wucht entfalten wird. Gestern (Montag) waren die Reaktionen der Börse ja noch relativ verhalten. Der Dax verlor zwar 1,3 Prozent, aber das waren keine ungewöhnlich hohen Verluste – zumal wir erst vor Kurzem ein neues Rekordhoch gesehen haben.
Nun deutet aber alles auf eine wildere Fahrt hin. Dax, S&P 500 und Nasdaq sind vorbörslich im Minus. Gold ist jetzt deutlich über die Marke von 4.700 Dollar gestiegen und der Bitcoin ist auf dem Weg, unter die Marke von 90.000 Dollar zu fallen. Das ist ein klares Zeichen für „Risk-off“. Allerdings verkauften die Anleger auch US-Staatsanleihen. Die Renditen für 10-jährige und 30-jährige Papiere steigen. Das passt nicht zur klassischen „Flucht in den sicheren Hafen“. Es passt eher zu dem, was ich gestern schrieb: Anleger misstrauen zunehmend den USA. Passend dazu lese ich dieses Zitat bei Bloomberg von Prashant Newnaha, Stratege bei TD Securities in Singapur:
„Die Maßnahmen der US-Regierung haben die Attraktivität von US-Staatsanleihen als sicherer Hafen etwas untergraben, und dieser ‚Unsicherheitsfaktor‘ zeigt sich teilweise in steigenden Renditen.“

Und man darf nicht vergessen: Europäische Länder halten US-Anleihen und -Aktien im Wert von mehreren Billionen US-Dollar; ein Teil davon liegt bei Fonds des öffentlichen Sektors. Das befeuert Spekulationen, dass sie diese Bestände als Reaktion auf Trumps erneuten Zollkrieg abbauen könnten – mit der möglichen Folge steigender Finanzierungskosten und fallender Aktienkurse, angesichts der Abhängigkeit der USA von ausländischem Kapital.
Trump geht ein hohes Risiko ein
US-Präsident Donald Trump hat in dieser Krise also auch einiges zu verlieren. Natürlich würden zusätzliche Zölle der europäischen Wirtschaft wehtun. Aber auch für die USA haben sie Folgen, wenn sie wirklich im angedrohten Umfang kommen. Nicht nur würde die Unsicherheit die Märkte belasten, auch die Sorgen vor einer steigenden Inflation wären wieder aktuell. Bisher waren die Auswirkungen auf die Preise begrenzt – auch, weil die Zölle nicht so hoch ausfielen wie angedroht. Aber die steigenden Renditen zeigen an, dass Anleger durchaus die Gefahr sehen. Und natürlich kann die EU auch zurückschlagen (siehe Kasten).
In einer Eskalation des Handelsstreits hat die EU derzeit drei Möglichkeiten:
- Ablehnung des US-EU Handelsdeals: Das Europäische Parlament hat den Handelsdeal zwischen der EU und den USA aus dem vergangenen Sommer noch nicht ratifiziert und könnte es offiziell ablehnen. Das Abkommen sollte eigentlich den Handelsstreit aus dem vergangenen Jahr einfrieren und eine Erhöhung der US-Zölle über 15% vermeiden. Durch eine Ablehnung würden die EU-Zölle auf US-Industriegüter automatisch steigen. Ohne dieses Abkommen würden allerdings auch die US-Zölle auf Auto und Autoteile automatisch von 15% auf 25% steigen.
- Gegenzölle: Wie im Falle der US-Zölle auf Stahl und Aluminium im letzten Jahr könnte die EU Gegenzölle auf den Weg bringen. Da die EU das Gebot der Verhältnismäßigkeit einhält, sind Gegenzölle von 10% denkbar. Eine Liste aus dem vergangenen Jahr, die nun Anwendung finden könnte, hatten wir bereits ausführlich analysiert (siehe hier). Betroffen wären neben den häufig zitierten Motorrädern und Orangensaft auch große Importgruppen wie Luftfahrttechnik, Automobile und Medizintechnik.
- Anti-Coercion Instruments (ACI): Um sich vor wirtschaftlicher Erpressung zu schützen, kann der EU-Rat mit qualifizierter Mehrheit ein breites Paket von Gegenmaßnahmen aktivieren. Dazu gehört etwa ein komplettes Importverbot bestimmter Waren oder die selektive Besteuerung von Unternehmen. Damit könnte die EU beispielsweise die großen Tech-Unternehmen ins Visier nehmen.
Ich setze daher weiterhin darauf, dass es irgendeine Form von Kompromiss geben wird. Trump mag darauf bauen, durch solche spektakulären Aktionen von innenpolitischen Schwierigkeiten abzulenken – oder als jemand in die Geschichte einzugehen, der das Territorium der USA vergrößert hat. Letzteres klang bereits in seiner Rede zur zweiten Amtseinführung an:
„Die Vereinigten Staaten werden sich wieder als wachsende Nation betrachten – eine Nation, die unseren Wohlstand mehrt, unser Territorium erweitert, unsere Städte baut, unsere Erwartungen steigert und unsere Flagge in neue und schöne Horizonte trägt.“
Aber die Preise im Supermarkt oder die Hausfinanzierung werden den US-Bürgern am Ende näher sein als eine Eisfläche am Polarkreis. Trump mag das nicht stören, aber die Republikaner, die um ihre Wiederwahl im November fürchten müssen, schon.

Auch wenn sich Trump aktuell unnachgiebig gibt: Für mich ist das eher der Aufbau einer Drohkulisse, um am Ende einen möglichst guten „Deal“ zu erreichen. Eine wichtige Meldung war für mich heute, dass Trump sich in Davos mit „various parties“ treffen will. Er habe auch ein „sehr gutes Telefonat“ mit Nato-Generalsekretär Mark Rutte gehabt, ließ Trump wissen.
Eine Lösung scheint greifbar: Die Nato-Staaten verpflichten sich, ihre Präsenz in Grönland zu verstärken und die Insel militärisch nicht mehr so zu vernachlässigen, wie sie es bisher getan haben. Außerdem dürfen die USA Grönland nutzen, um ihren „Golden Dome“ dort aufzubauen. Ich schätze daher, dass es nicht zu einer echten Eskalation zwischen der EU und den USA kommt und sich die Lage bald wieder entspannen dürfte.
Eines scheint jedoch zunehmend klar: Die Europäer müssen sich von den USA emanzipieren. Sie können künftig weder als Absatzmarkt noch militärisch wirklich auf die USA zählen.