Was gute Geldanlage und langweilige Architektur gemeinsam haben
Die Nachricht ging in der hektischen Vorweihnachtszeit fast ein wenig unter: Anfang Dezember starb im Alter von 96 Jahren Star-Architekt Frank Gehry. Seine Gebäude stehen auf der ganzen Welt, darunter das Guggenheim-Museum in Bilbao, die Walt-Disney-Konzerthalle in Los Angeles, die Art Gallery of Ontario in Toronto, die Stiftung Louis Vuitton in Paris und die Dwight-D.-Eisenhower-Gedenkstätte in Washington. Auch Wohngebäude unter anderem in Prag, New York und vielen anderen Städten gehören zu seinen Werken.
Gehrys bahnbrechender Ansatz prägte die moderne Architektur – er kombinierte neue Materialien und Formen, die es in seinem Fachgebiet zuvor noch nicht gegeben hatte. Er hatte eine beispiellose Begabung für die Gestaltung von Formen, plissierte Glas wie eine Leinwand und ließ es wie eine Silhouette tanzen.

Sein Tod brachte mich dazu, ein bisschen darüber nachzudenken, was Architektur mit Geldanlage zu tun hat. Mir geht es dabei weniger um Begrifflichkeiten wie zum Beispiel, dass man ein Depot baut oder so etwas. Mein Punkt ist eher der Zusammenhang zwischen „sieht gut“ und „taugt auch etwas“.
Was ich damit meine: In der Architekturbranche gibt es so etwas wie „Magazin-Architekten“. Es ist ein spöttischer Begriff, den Architekten für Kollegen verwenden, die Gebäude entwerfen, die wunderschön aussehen, Magazincover schmücken und Preise gewinnen, aber für die Nutzer kaum funktional sind.
- Komplexe Dachkonstruktionen sehen beeindruckend aus – und sind berüchtigte Albträume, wenn es ums Lecken geht.
- Ungewöhnlich geformte Gebäude gewinnen Preise – und bieten kaum Flexibilität, um die Innenräume später umzubauen.
- Edle Materialien glänzen – aber viel Glück dabei, jemanden zu finden, der qualifiziert genug ist, sie zu warten oder zu ersetzen.
- Prunkvolle Eingangshallen nehmen enorme Fläche ein – und werden oft nicht einmal genutzt, weil die meisten Bewohner durch die Garage eintreten.
Das Buch "How Buildings Learn" beschreibt, dass Architekten sich gerne als Künstler sehen, während die Menschen, die Gebäude nutzen, keine Kunst wollen; sie wollen ein Gebäude, in dem sie arbeiten können: „Kunst muss experimentieren, um ihren Zweck zu erfüllen. Die meisten Experimente scheitern. Kunst kostet zusätzlich. Wie viel mehr bist du bereit zu zahlen, um in einem gescheiterten Experiment zu wohnen? Kunst stellt Konventionen infrage. Konventionen wurden konventionell, weil sie funktionieren. Wer Kunst anstrebt, strebt nach einem Gebäude, das höchstwahrscheinlich nicht funktionieren kann, weil bewährte Lösungen verworfen werden. Das Dach hat einen neuen dramatischen Look – und es leckt dramatisch.“
„Wenn das Dach nicht leckt, war der Architekt nicht kreativ genug“
Das Buch zitiert renommierte Architekten wie I. M. Pei und Frank Lloyd Wright, deren Gebäude von allen bewundert werden – außer von denjenigen, die darin leben, deren Gefühle eher Richtung Frustration und Ekel tendieren. Frank Lloyd Wright sagte einmal über seine berüchtigt undichten Dächer: „Wenn das Dach nicht leckt, war der Architekt nicht kreativ genug.“ – ein amüsanter Kommentar für alle außer den Bewohnern seiner Häuser.
Auf der anderen Seite stehen Bürogebäude, deren Mieter zufrieden sind: große, langweilige Rechtecke, gebaut aus klassischen Materialien. Sie gewinnen keine Preise und erscheinen in keinem Magazin. Aber das Dach hält dicht, der Grundriss ist flexibel, und die Klimaanlage sitzt dort, wo sie hingehört. Der eigentliche Zweck eines Gebäudes – ein Ort, an dem man seine beste Arbeit leisten kann – wird erfüllt.
Ich mag Kunst und kann Architektur wertschätzen. Aber man sollte erkennen, dass es eine Zeit und einen Ort für Schönheit gibt und eine für Praktikabilität. Und dass man vorsichtig sein sollte, wenn man praktische Ratschläge sucht und stattdessen jemanden engagiert, dessen Ziel es ist, für seinen Stil gelobt zu werden.
Ratschläge, die gut klingen, müssen noch lange nicht gut sein
Womit ich nun zum Investieren komme. Der Wirtschaftsjournalist Jason Zweig schrieb einmal über das Investieren: „Während Menschen gute Ratschläge brauchen, wollen sie Ratschläge, die gut klingen. Die Ratschläge, die kurzfristig am besten klingen, sind langfristig immer die gefährlichsten. Jeder will das Geheimnis, den Schlüssel, die Roadmap zum goldenen Weg: die magische risikoarme, renditestarke Anlage, die das Geld im Handumdrehen verdoppelt. Jeder will den Renditen hinterherlaufen, die gerade heiß sind, und alles meiden, was abgekühlt ist.“
Viele Finanzratschläge sind wunderschön formuliert und intellektuell brillant – aber für den Empfänger völlig unbrauchbar. Das hat zwei Gründe.
Der erste: Finanzprofis wollen, ähnlich wie Architekten, manchmal ihre Karriere voranbringen, mehr als ihren Kunden helfen. Oft geschieht das harmlos: Es ist leicht, blind dafür zu werden, was Kunden wirklich brauchen, wenn das eigene Geschäft so profitabel ist und man so viel Aufmerksamkeit erhält. „Sieh nur, wie viel Geld ich verdiene und wie oft ich ins Fernsehen eingeladen werde“ – das wird gern interpretiert als „Ich bringe enormen Nutzen.“ Manchmal stimmt das; oft nicht. Eine komplexe Derivatstrategie kann brillant klingen und hohe Gebühren einbringen – und gleichzeitig das Gegenteil von dem sein, was ein Kunde eigentlich braucht. Zwischen dem, was Kunden brauchen, und dem, was die höchsten Gebühren bringt, liegt oft eine riesige Lücke. Viele Menschen benötigen das finanzielle Äquivalent eines Rechteckbaus, kaufen aber eine glitzernde geodätische Kuppel mit undichtem Dach und ohne Garage.
Der zweite Grund: Keine zwei Menschen sind gleich. Ein Finanzrat, der für dich sinnvoll ist, kann für mich verheerend sein – und umgekehrt. Es gibt keinen Einheits-Finanzplan. Das wird leicht übersehen, weil viele glauben möchten, Finanzen seien wie Physik: mit sauberen Formeln und eindeutigen Antworten. Wenn ein Rat eigentlich individuell sein müsste, man ihn aber für universell hält, greift man oft zu dem Rat, der am besten klingt – dem intelligentesten, komplexesten. Menschen driften vom Praktischen ins Schöne.
Geldanlage darf einfach und langweilig sein
Ich beobachte jeden Tag die Finanzmärkte, weil sie für mich ein Fenster in Kultur und Verhalten sind. Sie sind faszinierend, wunderschön – wie Kunst. Aber meine persönlichen Finanzen sind einfach und langweilig. Ich setze überwiegend auf ETFs. Meine größte Position im Depot ist ein ETF auf den MSCI All Country World Index. Ich versuche nicht die besten Einzelaktien zu finden oder mit irgendwelchen Trading-Strategien den Markt zu schlagen. Diese Strategie gewinnt keine Preise und gibt auch keine Heldengeschichten her. Ich kann nicht davon erzählen, wie clever ich war und was ich für einen guten Riecher hatte. Und ich habe auch keine heißen Tipps.
Aber die Strategie funktioniert für mich und meine Familie. Sie liefern das, was sie sollen: Eine einträgliche Rendite oberhalb der Inflationsrate, die dafür sorgen wird, dass ich im Alter nicht arm bin. Ich kann es mir leisten, nicht der beste Investor zu sein. Aber ich kann es mir nicht leisten, ein schlechter Anleger zu sein.