Warum das Glück so flüchtig ist und was Dein wahres Ziel sein sollte

Warum das Glück so flüchtig ist und was Dein wahres Ziel sein sollte

Glück ist eine Ursehnsucht des Menschen, die nicht verschwindet oder verkümmert. Das „Streben nach Glück“ steht sogar in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung:

“We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.”

Aber schaffen wir es wirklich, dauerhaft glücklich zu sein? Natürlich gibt es immer wieder intensive, glückliche Momente. Manchmal sind sie sogar so intensiv, dass wir vor Glück weinen müssen. Doch leider hält dieses gute Gefühl nicht lange an.

Der Hauptgrund für die Flüchtigkeit des Glücks ist ein psychologisches Phänomen namens „hedonistische Tretmühle“ (auch hedonistische Adaptation genannt). Sie ist eines der wichtigsten Konzepte der modernen Glücksforschung. Die Theorie besagt, dass jeder Mensch - sobald gewisse Grundbedürfnisse gestillt sind - ein individuelles Basisniveau an Glück (Set-Point) hat. Wenn uns etwas sehr Positives (Lottogewinn, Hochzeit) oder Negatives (Unfall, Trennung) widerfährt, schlägt unser Glückspegel kurzzeitig nach oben oder unten aus.

Glück ist eine Kontrasterfahrung

Doch nach einer gewissen Zeit – meist nur wenige Monate – gewöhnen wir uns an die neuen Umstände und kehren fast exakt zu unserem ursprünglichen Ausgangspunkt zurück. Berühmt wurde hierzu eine Studie aus dem Jahr 1978: Forscher untersuchten Lottogewinner und Menschen, die nach Unfällen querschnittsgelähmt waren. Das überraschende Ergebnis: Nach etwa einem Jahr unterschied sich das durchschnittliche Glücksempfinden der beiden Gruppen kaum noch von ihrem Niveau vor dem Ereignis.

Der Grund: Unser Gehirn ist ein Meister der Effizienz. Es blendet Reize aus, die konstant sind, um Kapazitäten für Veränderungen freizuhalten.

  • Gewöhnung: Der Duft eines neuen Autos ist nach drei Wochen verflogen. Das Gehirn sagt: „Das kenne ich schon, das ist nicht mehr überlebenswichtig.“
  • Erwartungssteigerung: Mit dem Erfolg steigen die Ansprüche. Wer einmal First Class geflogen ist, empfindet die Economy Class plötzlich als Mangel, während sie vorher völlig normal war.
  • Sozialer Vergleich: Wir messen unser Glück nicht absolut, sondern relativ zu anderen. Wenn wir mehr verdienen, ziehen wir oft in eine Gegend, in der die Nachbarn noch mehr verdienen – und fühlen uns wieder „hinten dran“.

Deswegen fühlen wir uns wie ein Hamster im Laufrad. Wir rennen und rennen, um ein Ziel zu erreichen, doch unsere langfristige Zufriedenheit verändert sich kaum.

Die drei Fallen der Tretmühle

Falle Beschreibung Das Gefühl
Die Konsum-Falle Glück durch Besitzen. „Wenn ich dieses Handy habe, bin ich zufrieden.“
Die Status-Falle Glück durch Anerkennung. „Wenn ich befördert werde, habe ich es geschafft.“
Die Ziel-Falle Glück als Zielort. „Ich bin glücklich, sobald das Projekt fertig ist.“

Besser, als nach Glück zu streben, ist daher aus meiner Sicht das Streben nach Zufriedenheit. Und hier finde ich die Gedanken der Stoiker sehr wichtig. Das Ziel der Stoiker war nicht das kurzfristige Hoch, sondern die Eudaimonia – ein Zustand der Seelenruhe und des inneren Gedeihens, der völlig unabhängig von äußeren Umständen ist.

Nur eine "Leihgabe" des Schicksals

Um ihn zu erreichen, griffen die Stoiker auf verschiedene Strategien zurück. Eine davon ist die "negative Visualisierung". Die Idee dahinter: Wir müssen dem beschriebenen Gewohnheitsprozess zuvorkommen. Wir müssen uns daran hindern, alles, wofür wir so hart gearbeitet haben, als selbstverständlich zu nehmen. Der Weg, um das zu erreichen: Wir müssen uns vorstellen, das zu verlieren, was uns wichtig ist und was wir wertschätzen. Wie Seneca in seiner seiner Schriften schrieb, sollten wir uns stets daran erinnern, dass alle Dinge uns vom Schicksal nur als "Leihgabe" anvertraut wurden und uns jederzeit - ohne unsere Erlaubnis und Vorwarnung - genommen werden können.

Dankbarkeitstagebücher greifen diese Idee auf. Es kann eine gute Übung sein, sich jeden Abend drei Dinge zu überlegen, für die man dankbar ist. Das hilft, das Gehirn darauf zu trainieren, das Positive im Alltag nicht mehr zu übersehen.

Von inneren und äußeren Zielen

Eine andere Strategie, die ich hier etwas ausführlicher vorstellen möchte, ist die Dichotomie der Kontrolle (griechisch: eph’ hēmin – „was bei uns steht“). Sie ist das Herzstück der stoischen Praxis. Der Sklave und spätere Lehrer Epiktet eröffnete sein Handbüchlein (Enchiridion) mit den berühmten Worten:

„Von den Dingen stehen die einen in unserer Gewalt, die anderen nicht.“

Es klingt so simpel, doch die konsequente Anwendung dieses Prinzips kann das gesamte emotionale Erleben verändern.

Wir verschwenden Energie

Der Grundgedanke ist, dass es zwei Kategorien gibt: Dinge, die wir vollständig kontrollieren können, und Dinge, die wir nicht kontrollieren können. Theoretisch könnte man auch noch eine dritte Kategorie einführen und aus der Dichotomie eine Trichotomie machen: Dinge, die wir teilweise kontrollieren können.

Was wir kontrollieren können:

  • unsere Urteile und Meinungen über Dinge
  • unsere Absichten und Bestrebungen
  • unsere eigenen Handlungen und Entscheidungen
  • wie wir auf unsere Impulse reagieren

Was wir NICHT (vollständig) kontrollieren können:

  • das Wetter
  • die nächste Gehaltserhöhung durch den Chef
  • das Verhalten unserer Mitmenschen
  • das Ergebnis unserer Bemühungen
  • Vergangenheit und Zukunft

Die Botschaft: Wer sein Glück an Dinge knüpft, die er nicht kontrollieren kann (zum Beispiel Lob oder Reichtum), wird immer ein Sklave des Schicksals sein. Wenn etwas nicht in unserer Macht steht, sind Sorgen nutzlos. Wahres Glück entsteht erst, wenn wir unsere Energie ausschließlich auf das konzentrieren, was in unserer Macht steht.

Für eine Vertiefung empfehle ich Dir mein Gespräch mit Robert Velten, was ich vor einiger Zeit geführt haben:

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Robert Velten
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Um diesen Gedanken zu veranschaulichen, nutzten die Stoiker oft das Bild des Bogenschützen. Ein Bogenschütze kann alles in seiner Macht Stehende tun: Er kann seine Muskeln trainieren, den Bogen sorgfältig wählen, den Pfeil perfekt anlegen und den Moment des Loslassens genau abpassen. Doch in der Sekunde, in der der Pfeil die Sehne verlässt, endet seine Kontrolle. Ein plötzlicher Windstoß oder ein weglaufendes Ziel können den Treffer verhindern.

Das stoische Glück liegt nicht darin, das Ziel zu treffen – das wäre ein externes Ergebnis. Das wahre Glück liegt darin, den Pfeil so perfekt wie möglich abzufeuern.

Oder um eine andere, etwas modernere Veranschaulichung zu bringen: Ob ich ein Tennisspiel gewinne, habe ich nicht in der Hand. Ich kann aber beeinflussen, dass ich mich anstrenge, gut trainiere und mich gewissenhaft auf das Spiel vorbereite. Darauf sollte ich mich konzentrieren und zufrieden sein, wenn ich mein Bestes gegeben habe. Der Ausgang des Matches sollte dagegen keine Rolle für meine innere Ruhe spielen.

Die zentrale Frage für Dich

Die Dichotomie der Kontrolle ist eine Form der mentalen Hygiene. Wir hören auf, unsere Energie in „Löcher“ zu schütten, die wir nicht füllen können (die Meinung anderer, das Wetter, die Vergangenheit). Stattdessen investieren wir 100 Prozent unserer Kraft dort, wo sie wirklich etwas bewirkt: in unseren Charakter und unser Verhalten.

Frage dich: „Habe ich auf den Auslöser meines Stresses gerade direkten Einfluss?“

  • NEIN (Wetter, Verspätung der Bahn, die schlechte Laune des Chefs, die Vergangenheit): akzeptieren und loslassen. Energieverschwendung stoppen.
  • JA (meine Vorbereitung, meine nächste Antwort, meine Pünktlichkeit ab jetzt): handeln. Energie bündeln.

Es gilt:

„Mache den besten Gebrauch von dem, was in deiner Macht steht, und nimm den Rest so, wie er kommt.“

Ich führe mir das immer wieder vor Augen, wenn zum Beispiel eines meiner YouTube-Videos nicht die erhofften Aufrufzahlen erzielt. Denn ganz ehrlich: Ich habe es nicht in der Hand, ob der Algorithmus mein Video breit ausspielt oder nicht. Was ich beeinflussen kann, ist, ob das Gespräch interessant war. So versuche ich, eine hohe Sehdauer als Bestätigung meiner Arbeit zu sehen – und weniger die reinen Aufrufzahlen. Also konzentriere ich mich auf die Auswahl der Gäste, die Vorbereitung des Interviews und darauf, aufmerksam zuzuhören, um die richtigen Nachfragen zu stellen.

Aber ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich schon so weit bin, dass mich schlechte Klickzahlen nicht mehr ärgern. Es dauert, seine Denkweise zu ändern. Es ist eine Reise und kein Schalter, den man einfach umlegt. Aber ich arbeite daran und ich weiß: Es lohnt sich. Versuche es doch auch einmal!

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