Über eine Venezuela-Lehre wird zu wenig gesprochen
Noch immer wird fleißig kommentiert und analysiert, welche Folgen die US-Intervention in Venezuela hat. Mehr und mehr setzt sich aber das Narrativ durch, dass zumindest die Auswirkungen für die Finanzmärkte erst einmal überschaubar sein werden. Am Aktienkurs von Chevron lässt sich gut erkennen, wie nach der Euphorie der Realismus Einzug hält. Schon am Montag hatte die Aktie einen guten Teil ihrer Gewinne abgegeben, am Dienstag ging es weiter nach unten. Inzwischen steht der Kurs wieder quasi da, wo er vor dem Wochenende stand.

Zwar verfügt Venezuela über gewaltige Öl-Reserven. Damit die Produktionskapazitäten wieder steigen, müssen die westlichen Ölunternehmen in die marode Ölinfrastruktur kräftig investieren. Dafür benötigen sie hinreichend Investitionssicherheit. Erst wenn sie sicher sein können, dass das Land politisch stabil ist und ihre Investitionen sich langfristig amortisieren, werden sie in die Erschließung der weltgrößten Ölreserven investieren.
Dafür ist auch ein hinreichend hohes Ölpreisniveau erforderlich. Ob dies beim aktuellen Preis der Fall ist, ist fraglich. Denn das Öl aus Venezuela dürfte aufgrund seiner größeren Dichte und des hohen Schwefelgehaltes mit einem beträchtlichen Abschlag gegenüber der Benchmark WTI gehandelt werden. Vergleichbares Öl aus Mexiko handelt aktuell mit einem Abschlag von sechs Dollar gegenüber WTI, die ebenfalls artverwandte kanadische Ölsorte WCS sogar mehr als 14 Dollar unterhalb des WTI-Preises. Da der Ölmarkt bereits reichlich versorgt ist, würde zusätzliches Öl aus Venezuela die Preise weiter unter Druck setzen, was die Unternehmen in ihrer Entscheidung berücksichtigen müssten.
Selbst wenn all diese Kriterien erfüllt wären, dürften Jahre vergehen, bis die Ölproduktion das frühere Niveau wieder erreichen würde. Als Beispiele könnten der Irak und Libyen gelten, deren Ölproduktion nach dem Sturz der Machthaber Saddam Hussein 2003 und Gaddafi 2011 einbrach. Im Irak erholte sich die Ölproduktion 2003 zwar schnell, ebenso in Libyen 2011/12, wenn auch nur kurzzeitig. Dennoch dauerte es acht Jahre, bis im Irak das vorherige Produktionsniveau dauerhaft wieder erreicht wurde. In Libyen ist dies trotz eines Anstiegs in den letzten beiden Jahren bis heute nicht geschehen.

Kurzfristig werden andere Entwicklungen wichtiger für die Märkte sein, wie etwa der US-Arbeitsmarktbericht am Freitag. Er dürfte weitere Hinweise darauf geben, wie die künftige Geldpolitik der Fed aussehen wird.
Trotzdem sollte man Venezuela nicht abhaken. Denn das Land stellt eine deutliche Warnung da, über die leider viel zu wenig gesprochen wurde. Der wirtschaftliche Verfall Venezuelas ist eines der extremsten Beispiele der modernen Geschichte dafür, wie ein ehemals wohlhabendes Land (in den 1970er Jahren das reichste Lateinamerikas) innerhalb weniger Jahrzehnte kollabieren kann.
In den 1950er und 60er Jahren war die Hauptstadt Caracas ein Schaufenster für modernsten Luxus und futuristische Architektur. Ein Beispiel dafür ist das Hotel Humboldt: Ein ikonisches 70-Meter-Hochhaus auf dem Gipfel des Berges Ávila, das nur per Seilbahn erreichbar war – in den 50ern ein technisches und architektonisches Weltwunder. Der venezolanische Bolivar war über Jahrzehnte eine der stabilsten Währungen der Welt. In den 1960er Jahren wurde er oft als „Bolívar de Oro“ (Gold-Bolivar) bezeichnet, weil er im Vergleich zum US-Dollar extrem wertbeständig war.
Doch dann begann der Abstieg. Unter Hugo Chávez (1999–2013) und seinem Nachfolger Nicolás Maduro wurden massive Fehler begangen:
- Verstaatlichungen: Private Unternehmen wurden enteignet. Dies führte zu Ineffizienz, einem Rückgang der Produktion und massiver Kapitalflucht.
- PDVSA-Verfall: Die staatliche Ölgesellschaft (PDVSA) wurde als „Geldautomat“ für Sozialprogramme genutzt, anstatt in die Wartung der Anlagen zu investieren. Die Produktion sank von ca. drei Millionen Barrel pro Tag (2000) auf zeitweise unter 700.000.
- Preiskontrollen: Um die Inflation zu stoppen, setzte die Regierung Fixpreise fest. Das Ergebnis: Produzenten konnten nicht mehr kostendeckend arbeiten, Waren verschwanden vom Markt, und es entstanden riesige Schwarzmärkte.
Die Folgen waren Massenauswanderung und Armut: Ein Großteil der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze und ist auf staatliche Lebensmittelpakete angewiesen. Über 7,7 Millionen Menschen sind geflohen – die größte Migrationsbewegung in der Geschichte Lateinamerikas.

Warum ich das erzähle: Das Schicksal Venezuelas – genauso wie das Schicksal des einst sehr wohlhabende Argentinien – zeigt, dass falsche Politik, Ideologie und Selbstgefälligkeit auch wohlhabende Länder mit der Zeit ruinieren können. Wir in Deutschland sollten uns den Abstieg Venezuelas immer wieder vor Augen führen. Nur weil es uns viele Jahrzehnte lang gut ging, heißt das nicht, dass es auch in Zukunft so sein muss. Es gibt keine Garantie auf ewigen Wohlstand. Er muss immer wieder neu erarbeitet und gesichert werden.