Streit um Grönland: Trumps Spiel mit dem Feuer
Die neue Zolldrohung von US-Präsident Donald Trump gegen EU-Länder wegen ihrer Unterstützung Grönlands ist natürlich DAS Thema zum Start in die neue Woche. Nach Venezuela, den Ermittlungen gegen Fed-Chef Powell, Drohungen gegen den Iran nun also die nächste Erschütterung. Das neue Jahr ist noch keine vier Wochen als und gefühlt ist schon genug für sechs Monate passiert, vielleicht sogar für ein ganzes Jahr. Es zeigt sich erneut, dass es in Sachen Zölle mit Trump keine Sicherheit gibt: Jeder der dachte, dass Zollthema könnte nach Abschluss der ganzen Handels-"Deals" ad acta gelegt werden, wird (erneut) eines besseren belehrt.
Wie geht es jetzt weiter? Das ist natürlich nun die große Frage. In solchen Phasen ist es wichtig, die Nerven zu bewahren und nicht hektisch zu agieren. Man muss sich Szenarien zurechtlegen und überlegen, was man in welchem Fall tut. Die Situation kann weiter eskalieren, zum Beispiel durch Gegenmaßnahmen der EU. Genauso kann es auch schnell wieder vorbei sein. Es wäre nicht das erste Mal, dass Trump eine Kehrtwende macht.
Bitcoin fällt, Gold steigt
Bemerkenswerter Weise sind die Märkte heute früh relativ ruhig. Der Dax verliert natürlich etwas, aber durchaus im Rahmen aus meiner Sicht. Beim Euro-Dollar-Wechselkurs tut sich nicht viel. Offenbar setzen die Anleger mehrheitlich auf das "Kehrtwende"-Szenario. Stärkere Reaktion gibt es nur bei Bitcoin und Gold: Die Kryptowährung fällt um fast 3000 Dollar (nachdem sie letzte Woche stark gestiegen war), das Edelmetall klettert hingegen Richtung 4700 Dollar (nachdem es letzte Woche etwas geschwächelt hatte).
Aber das alles kann sich in den nächsten Tagen noch ändern. Damit Du Dir ein möglichst umfassendes Bild machen kannst, will ich mir Dir hier ein paar Analysen teilen, die mich erreicht haben.
Thu Lan Nguyen, Devisen-Experten bei der Commerzbank, macht sich Gedanken über die Rolle des Dollars als Weltleitwährung: „Sollten Zölle nicht mehr reichen, um Trumps extraterritoriale Ambitionen durchzusetzen, dann steigt die Gefahr, dass er auf wirtschaftliche Sanktionen als Druckmittel zurückgreift. Um diese umgehen zu können, kann es für die EU notwendig sein, so weit es geht auf grenzüberschreitende Zahlungen in Dollar zu verzichten. (…)
Wir dürfen nicht vergessen, dass die USA ein massives Leistungsbilanzdefizit fahren, das durch Kapitalimporte finanziert werden muss. Sollten Investoren den Status des Dollars als Weltleitwährung in Gefahr sehen und dementsprechend eine deutliche Abwertung der US-Währung befürchten, könnten diese Kapitalimporte versiegen. Im schlimmsten Fall kommt es sogar zu einem Kapitalabfluss. Die US-Wirtschaft wäre zu einer Korrektur der Leistungsbilanz gezwungen, was mit weiterer deutlicher Dollar-Schwäche einhergehen würde. (…)
Der Erfolg [mit den vorangegangenen Zolldrohungen] könnte der US-Regierung zum Verhängnis werden, sollte sie hierdurch ermutigt werden, das Zollinstrument bis zum Äußersten auszunutzen. Die Gefahr steigt, dass sie irgendwann eine Grenze überschreitet, an der die Handelspartner sich nicht mehr erpressen lassen und beigeben, sondern mit Gegenmaßnahmen zurückschlagen. Und es steht zu befürchten, dass diese Grenze mit dem Fall Grönland bei der EU erreicht wurde..."
George Saravelos, Devisenexperte bei der Deutschen Bank: „Europa besitzt Grönland, und es besitzt auch eine große Menge an US-Staatsanleihen. Wir haben im vergangenen Jahr größtenteils argumentiert, dass die USA trotz ihrer militärischen und wirtschaftlichen Stärke eine zentrale Schwäche haben: Sie sind darauf angewiesen, dass andere ihre Rechnungen über große außenwirtschaftliche Defizite finanzieren. Europa hingegen ist der größte Kreditgeber Amerikas: Europäische Länder halten US-Anleihen und -Aktien im Wert von acht Billionen Dollar – fast doppelt so viel wie der Rest der Welt zusammen.
In einem Umfeld, in dem die geoökonomische Stabilität des westlichen Bündnisses existenziell erschüttert wird, ist nicht klar, warum die Europäer weiterhin so bereitwillig diese Rolle spielen sollten. Dänische Pensionsfonds gehörten bereits vor etwa einem Jahr zu den ersten, die Gelder repatriierten und ihr Dollar-Engagement reduzierten. Da das Dollar-Engagement in ganz Europa weiterhin sehr hoch ist, haben die Entwicklungen der letzten Tage das Potenzial, eine weitere Umschichtung weg vom Dollar zu fördern. (...)
Es war die Rede des US-Vizepräsidenten JD Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz im vergangenen Jahr, die sich als indirekter Auslöser für eine Beschleunigung der europäischen Verteidigungsausgaben erwies. Könnte in diesem Jahr Grönland der Faktor sein, der eine stärkere europäische politische Geschlossenheit katalysiert? In welchem Ausmaß sich in den kommenden Tagen eine geeinte europäische Strategie zur Reaktion auf den US-Druck herausbildet, wird ein wichtiges kurzfristiges Signal sein."
Holger Schmieding, Chefvolkswirt Berenberg Bank: „Für MAGA spielt Grönland grundsätzlich keine wichtige Rolle. Laut einer Umfrage für CNN lehnen 75 Prozent der Amerikaner, darunter 50 Prozent der Republikaner, eine Annexion Grönlands ab. (…) In der Frage Grönlands sieht sich Trump daher mit mehr Widerstand aus den Reihen ranghoher Republikaner konfrontiert als bei früheren Themen. Das spricht dafür, dass es letztlich zu einer Einigung kommen wird.
Eine deutlich stärkere militärische Präsenz der USA und der Nato in Grönland würde dem gesamten Nato-Bündnis zugutekommen. Aus europäischer Sicht wäre ein Wirtschaftsabkommen, das den USA (Trump) erhebliche Vorteile beim Zugang zu Grönlands Ressourcen einräumt, denkbar. Trump hat seine Position nach scharfen Drohungen wiederholt revidiert (etwa bei den „Liberation-Day“-Zöllen). Nach viel disruptivem Lärm sollte daher eine Vereinbarung möglich sein, die Grönlands Recht auf Selbstbestimmung respektiert.“