Im Schatten des Benzinpreises wächst die wahre Gefahr
Die Straße von Hormus ist blockiert. Steigende Benzinpreise sind das erste sichtbare Zeichen. Es vergeht kaum ein Tag ohne eine Forderung oder ein Treffen, um etwas dagegen zu unternehmen. Doch deutlich weitreichendere Folgen könnten dort entstehen, wo gerade kaum jemand hinsieht.
Benzin und Diesel sind nur zwei Produkte, die aus Öl gewonnen werden. Ein anderes ist Schweröl – das Rückstandsprodukt der Destillation. Während die leichten, wertvollen Gase und Flüssigkeiten (Benzin, Kerosin, Diesel) nach oben steigen, ist das Schweröl der dicke, klebrige Rest, der sich ganz unten am Boden sammelt. Es enthält all jene Moleküle, die zu schwer oder zu „schmutzig“ sind, um gasförmig zu werden.
Eigentlich ist Schweröl zu kaum etwas zu gebrauchen – bis auf eine entscheidende Sache: Es treibt die Motoren der Weltschifffahrt an. Wenn man so will, basiert der gesamte Welthandel auf Schweröl.
Das Problem ist nicht nur, dass Schweröl massiv teurer geworden ist (siehe Grafik). Die eigentliche Sorge ist, dass wichtigen Häfen der Treibstoff ausgehen könnte, was Schiffe aller Art – vom Containerschiff bis zum Massengutfrachter – zum Stillstand zwingen würde. Was unterbrochene Lieferketten für Versorgung und Preise bedeuten, hat eindrucksvoll die Corona-Pandemie gezeigt.

Die Schifffahrtsbranche, die sich in ihren öffentlichen Äußerungen normalerweise eher zurückhaltend gibt, schlägt bereits Alarm. Vincent Clerc, CEO des Branchenriesen AP Møller-Mærsk A/S, erklärte der französischen Zeitung „Le Monde“: „Wenn wir nichts unternehmen, riskieren wir, dass uns in Asien die Versorgungsstellen trockenlaufen.“
Die Straße von Hormus ist eben nicht nur ein Nadelöhr für Rohöl, sondern die Hauptader für 20 Prozent des weltweit gehandelten Schweröls, das in saudi-arabischen, kuwaitischen und emiratischen Raffinerien gewonnen wird. Für andere Produkte wie Benzin ist der Persische Golf weit weniger bedeutend. Zudem liefert das dortige Rohöl im Schnitt eine höhere Schwerölausbeute als Öl aus anderen Regionen. Selbst wenn asiatische Raffinerien Alternativen (etwa aus den USA oder Russland) finden, bleibt die Schwerölproduktion am Ende geringer als zuvor.
Je länger der Konflikt allerdings anhält, desto stärker rücken auch andere Faktoren in den Fokus, die im ersten Moment vielleicht etwas unter dem Radar geblieben sind. Ein weiterer wichtiger Inflationstreiber, der vermutlich über die kommenden Wochen stärker in den Fokus der Märkte geraten dürfte, werden Lebensmittelpreise werden. Denn die Golfregion ist nicht nur großer Exporteur von Energie, sondern auch für Düngemittel. Rund 45 Prozent des globalen Urea kommen aus der Golfregion, genauso wie rund 20 Prozent des globalen Schwefels, die beide hauptsächlich zur Produktion von Kunstdünger eingesetzt werden. Die Ureapreise sind deswegen in den letzten Wochen bereits deutlich gestiegen – und das zu einer Zeit, in der in der nördlichen Hemisphäre gerade Pflanzzeit ist und Stickstoffdünger (also Urea) zum Einsatz kommt. Und auch die Preise für Schwefel steigen weiterhin an, was den Einsatz von Phosphatdünger ebenfalls verteuern dürfte.
Neben dem Einsatz für Dünger wird Schwefel allerdings auch im Bergbau eingesetzt, wobei dies insbesondere bei der Kupferproduktion im Kongo und der Nickelproduktion in Indonesien zu Problemen führen könnte.
Hinzu kommt, dass die Golfregion auch ein wichtiger Lieferant von Helium ist, das zur Produktion von Halbleitern gebraucht wird. Sollte es nun zu Produktionsproblemen kommen, dürften die Preise steigen und sich auf alle Produkte auswirken, die Halbleiter enthalten.
Die wirtschaftlichen Folgen gehen also weit über das Tanken hinaus. Der gestiegene Benzinpreis könnte am Ende noch das kleinste Problem sein.