Fünf schädliche Lügen, die sich fast jeder erzählt
Die verheerendste Lüge, die du aussprechen kannst, ist die Lüge, die du dir selbst erzählst. Diese Lügen verwässern deine Aufmerksamkeit, lenken dich ab und untergraben dein Selbstvertrauen. Sie bieten dir einen bequemen Ausweg, wenn die Wahrheit eine schmerzhaftere Eigenverantwortung von dir verlangen würde. Diese Lügen hindern dich daran, deine volle Leistung abzurufen. Ein Selbstschutz, der zur Selbstablehnung wird. Deshalb hier fünf Lügen, mit denen jeder sofort aufhören sollte.
Stress ist ein Zeichen dafür, dass ich an der falschen Sache arbeite.
„Wenn du liebst, was du tust, wirst du keinen einzigen Tag in deinem Leben arbeiten.“
Wahrscheinlich hast du dieses Zitat schon einmal auf einem Motivationsposter gesehen. Ich verstehe das. Es ist ein schöner Gedanke.
Aber es ist eine Lüge. Und dazu noch eine schädliche. Sie lässt einen glauben, im falschen Beruf zu sein, wenn man mal keine Lust hat oder angespannt ist.
Die Wahrheit ist etwas differenzierter: Stress und Angst sind eine Steuer auf extremen Ehrgeiz. Diejenigen mit extremem Ehrgeiz sind am anfälligsten für Gefühle von Stress und Angst, die mit Rückschlägen einhergehen.
Dein angeborener Ehrgeiz ist ein zweischneidiges Schwert: Eine mächtige, positive Kraft, wenn sie in eine klare Richtung auf ein sinnvolles Ziel gelenkt wird, aber ein Stressverstärker, wenn Fortschritt und Dynamik unklar sind.
Das Ziel sollte daher nicht sein, eine stressfreie Arbeit zu finden. Es ist, an Dingen zu arbeiten, die ich so bedeutungsvoll finde, dass ich mich gerne für sie stresse.
Ich muss nur noch mehr Informationen sammeln.
Carl Jung prägte den Archetyp des Puer Aeternus (lateinisch für „ewiger Junge“) als einen Erwachsenen, der in einem ständigen Zustand des Knabenhaften lebt, mit Bindungsangst und einer Besessenheit von der Vorbereitung auf eine Handlung, die niemals eintritt.
Die moderne Welt hat es einfacher denn je gemacht, in die Puer-Aeternus-Falle zu tappen. Das Sammeln von Informationen ist zu einem Sport geworden. Recherchieren, Studieren, Lernen, Planen. Alles in saubere kleine Dopamin-Feedbackschleifen gepackt, die dich davon überzeugen, dass du etwas Produktives und Wertvolles tust.
Du bist nur noch eine einzige Information vom großen Durchbruch entfernt. Du gründest das Unternehmen, wenn dein Businessplan perfekt ist. Du wirst deinen Partner treffen, wenn du noch eine weitere Runde durch Profile gescrollt hast. Du bekommst den Traumjob, wenn du noch einen weiteren Abschluss in der Tasche hast. Du startest mit der Geldanlage, wenn du wirklich den günstigsten Broker und den besten ETF gefunden hast.
Aber die Welt wird nicht von einer Handvoll Genies mit 47 Doktortiteln und einem IQ von 170 regiert wird. Die Welt wird von einem Haufen ganz normaler Menschen regiert, die einen abnormalen Tatendrang haben. Die Gelegenheit, die du suchst, schwirrt jederzeit um dich herum. Aber du musst handeln, um sie zu ergreifen. „Handeln ist wie wollen, nur krasser“, steht an einem Haus, an dem ich regelmäßig vorbei fahre.
Dopamin aus der Informationsbeschaffung ist eine gefährliche Droge. Hol dir dein Dopamin durch Handeln.
Wenn ich heute etwas länger arbeite, habe ich morgen mehr Zeit
Ich nenne es das Powerpoint-Paradox. Wenn du etwas älter bist, erinnerst du dich bestimmt noch an die Zeit von Folien und Overhead-Projektoren. Wer eine Präsentation erstellen wollte, musste mit Folienstift alles aufschreiben und zeichnen.
Powerpoint hätte alles viel einfacher machen können. Hat es aber nicht.
Der Grund: Die Präsentationen wurden immer aufwändiger. Wahrscheinlich verbringen wir inzwischen sogar mehr Zeit mit dem Erstellen von Slides als damals.
Ähnlich ist es mit Überstunden. Ich erwische mich selber dabei, wie ich abends länger arbeite in der Hoffnung, am nächsten Tag mehr Zeit zu haben. Habe ich das? Nein. Denn plötzlich ist Luft für neue Aufgaben da. Statt entspannter zu sein, ist der nächste Tage genauso stressig wie der davor, die nächsten Überstunden nah.
Veränderung wird mir gut tun
Jedes Mal, wenn ich eine alte Schulfreundin treffe, stöhnt sie über ihre Kollegen und den Chef. Sie hat schon mehrmals den Job gewechselt. Doch immer sind die Kollegen gemein zu ihr und der Chef kann sie nicht leiden.
Ein Freund träumt vom Auswandern. In einem neuen Land wird sein Leben bestimmt besser sein.
Ich glaube es nicht.
Die Umgebung mag eine andere sein, du bist aber noch immer der gleiche. Du nimmst dich mit. Ein neuer Job oder ein neues Land lösen nicht deine Probleme. Der Zauber des Neuanfangs überdecken sie für eine Zeit. Doch verschwunden sind sie nicht. Nur eine schmerzhafte Selbstanalyse kann helfen.
Dazu bin ich nicht fähig.
Es gibt eine kognitive Verzerrung, die sogenannte „Illusion des Endes der Geschichte“, die besagt, dass Menschen durchweg berichten, sich in der Vergangenheit stark verändert zu haben, aber nicht erwarten, sich in der Zukunft noch viel zu verändern.
Im Grunde denkst du, dass die aktuelle Version von dir die endgültige Version ist. Offensichtlich liegst du falsch, aber dich selbst von dieser Tatsache zu überzeugen, ist ein harter Kampf.
Das Wort „noch“ kann dein Leben in dieser Hinsicht komplett verändert:
- Aus „Ich bin nicht gut genug“ wird „Ich bin noch nicht gut genug.“
- Aus „Ich weiß nicht, wie das geht“ wird „Ich weiß noch nicht, wie das geht.“
- Aus „Dazu bin ich nicht fähig“ wird „Dazu bin ich noch nicht fähig.“
„Noch“ ist eine Ein-Wort-Erinnerung daran, dass du dich in einem Zustand der ständigen Veränderung und des Wachstums befindest. Du bist kein unveränderliches Wesen. Du bist mit deiner Entwicklung noch nicht fertig. Neue Erfahrungen formen deine Perspektiven neu. Neue Herausforderungen schmieden neue Fähigkeiten. Neue Kapitel schaffen neue Werte.
Heiße das „Noch“ in deinem Leben immer willkommen.
Es gibt keine harmlose Lüge, wenn du sie dir selbst erzählst.
Deshalb würde ich mir wünschen, dass du diese Woche über folgende Frage nachdenkst:
Was sind die Lügen, die du dir momentan selbst erzählst?