Die Rendite der vermiedenen Qual
Wahrscheinlich wirst Du jetzt über mich lachen. Aber ich stehe dazu, denn auch dafür ist Geld aus meiner Sicht da.
Doch fangen wir vorne an. Der Wasserhahn in der Küche wackelte hin und her. Irgendeine Schraube war locker. Mein erster Reflex: Selbst machen. Aber alles sah anders aus als in den YouTube-Videos, die ich mir anschaute. Alles war eng, nichts richtig zu erkennen. Ich stand also vor der Wahl: Werkle ich hier weiter rum oder beauftrage ich einen Handwerker?
Ich musste nicht lange überlegen.
Ich machte einen Anruf, der Handwerker hatte sogar am nächsten Tag Zeit. Er kam vorbei und nach 15 Minuten war die Sache erledigt. Kosten: rund 40 Euro.
Klar hätte ich mir das Geld auch sparen können. Ich hätte weiter unter der Spüle rumfummeln können und es vielleicht auch irgendwann geschafft. Doch welchen Preis hätte ich dafür bezahlt?
- Zeit: Was der Handwerker in ein paar Minuten hingekriegt hat, hätte bei mir – ich bin handwerklich nicht sonderlich geschickt – vielleicht eine Stunde oder länger gedauert.
- Nerven: Die Recherche nach Tipps und das Werkeln am Boden in unbequemer Haltung hätten mich frustriert und wütend gemacht.
- Qualität: Als Laie wäre das Ergebnis wahrscheinlich nur „okay“ gewesen. Bald hätte der Hahn wieder gewackelt, der Ärger wieder da.
Die Reibungsverluste des Lebens minimieren
Dann lieber ein bisschen Geld ausgeben und sich das alles ersparen. Denn auch dafür ist Geld da. Es ist ein Werkzeug, um die Reibungsverluste des Lebens zu minimieren. Oft ist der „Stundenlohn“ unserer Lebensfreude viel höher als ein Handwerkertarif. Es geht um die Opportunitätskosten.
Wir reden immer nur davon, wie man mit Geld schöne Dinge machen kann. Ein Konzert besuchen, für ein Wochenende verreisen, schick Essen gehen. Alles richtig. Schon das machen wir leider viel zu selten und sparen stattdessen lieber auf einen undefinierten Zeitpunkt in der Zukunft, wo wir das alles machen und nachholen wollen.
Was wir aber oft übersehen – und leider noch seltener machen, als schöne Erfahrungen zu sammeln: Man kann Geld auch ausgeben, um sich unangenehme Erfahrungen zu ersparen. In der Finanzwelt sprechen wir ständig über Rendite. Aber die wichtigste Rendite ist oft nicht das, was wir gewinnen, sondern das, was wir nicht verlieren: Lebensqualität.
Kosten der „mentalen Last“
Denke einmal nach, wie es mit Aufgaben ist, auf die Du keine Lust hast. Sie schweben die ganze Zeit über einem wie eine dunkle Wolke. Ständig hat man ein schlechtes Gewissen, weil man sich vor ihnen drückt. Die Laune leidet, vielleicht gibt es sogar Streit mit dem Partner oder der Partnerin: „Hast Du schon?“ – „Nein, noch nicht.“ – „Wann machst Du es?“ Unerledigte Aufgaben sind wie offene Tabs im Browser Deines Gehirns – sie ziehen ständig Energie, auch wenn Du gerade nicht aktiv daran arbeitest.
Hat man es dann getan, ist es auch nicht vorbei. Weil die Erfahrung und die Lust fehlen, wird das Ergebnis nicht so , wie man es sich vorgestellt hat. Auch das frustriert.
Ich finde: Dann doch lieber etwas Geld ausgeben. Man vermeidet damit nicht nur eine unangenehme Erfahrung. Man gewinnt auch wertvolle Zeit – Zeit, die man nutzen kann, um etwas Schönes für sich oder mit Freunden oder der Familie zu machen. Zeit ist die einzige Ressource, die wir niemals zurückbekommen.
Deshalb: Die 40 Euro für den Handwerker waren kein Luxus, sondern eine Investition in meine Psychohygiene. Ich habe mir damit nicht nur einen festen Wasserhahn gekauft, sondern:
- einen entspannten Nachmittag.
- das gute Gefühl, dass die Sache erledigt ist.
- Zeit für die Menschen und Dinge, die mir wirklich wichtig sind.
Irgendwann hätte ich den Wasserhahn sicher selbst hingekriegt. Aber mein Seelenfrieden war mir die 40 Euro wert. Der höchste Wert von Geld ist die Fähigkeit, die Kontrolle über seine Zeit zu haben.