Die KI-Euphorie ist weg - die Anleger werden vorsichtiger

Die KI-Euphorie ist weg - die Anleger werden vorsichtiger
Die Entwicklung von 23 ausgewählten KI-Aktien aus den USA bis Oktober und seitdem; Quelle: Deutsche Bank, Bloomberg

Zwischen KI-Angst und Krypto-Verkäufen hat sich eine Abwärtsspirale entwickelt, die sich gegenseitig verstärkt. Ein Ende ist nicht in Sicht. Steigende Renditen bremsen die Risikobereitschaft – jeder Dollar für Tech oder Krypto wird zweimal umgedreht. Gestern ging es für Bitcoin und die Nasdaq nach unten. Bitcoin ist inzwischen wieder ein ganzes Stück von der 90.000-Dollar-Marke entfernt. Auch die technologielastigen Börsen in Asien verloren.

Wie sehr sich die Stimmung gedreht hat, illustriert diese Grafik der Deutschen Bank (siehe oben). Die roten Balken zeigen die Kursgewinne ausgewählter KI-Aktien von Anfang des Jahres bis Ende Oktober, die schwarzen die Entwicklung seitdem.

KI-Aktien laufen nicht mehr

Die unterschiedlich langen Zeiträume machen einen Vergleich natürlich schwierig. Trotzdem ist die Tendenz deutlich zu erkennen: KI läuft nicht mehr. Nur drei der ausgewählten Aktien konnten in den vergangenen sechs Wochen zulegen: Micron, Alphabet und Coherent. Ansonsten gab es nur Verluste. Marvell Technologies weist sogar zwei Balken auf, die nach unten zeigen.

Für mich überraschend ist übrigens die Entwicklung von Amazon: Die Aktie ist auf Jahressicht mehr oder weniger unverändert.

Gut erkennen lässt sich die Sektorrotation auch an dieser Grafik: Auf der Y-Achse ist die Entwicklung von April bis Ende Oktober abgetragen. Alle Punkte oberhalb der X-Achse haben in diesem Zeitraum gewonnen. Die X-Achse wiederum zeigt die Performance seit Ende Oktober. Alle Unternehmen links der Y-Achse haben in dieser Zeit verloren. Hier tummeln sich Nvidia, die Rüstungsbranche und die Betreiber von KI-Rechenzentren. Besser läuft es dagegen für die Unternehmen im zweiten Quadranten oben rechts. Besonders Google sticht hier heraus.

Beispielhaft für die aktuelle Stimmung am Aktienmarkt steht CoreWeave. Rund 250 Prozent legte die Aktie in den ersten zehn Monaten des Jahres zu. Schaut man jedoch auf die vergangenen Wochen, hat sie rund 50 Prozent verloren.

Das Unternehmen, das von Ex-Ölhändler Michael Intrator und einigen Partnern gegründet wurde, vermietet als Neocloudanbieter begehrte KI-Spezialchips an Techkonzerne wie Microsoft oder OpenAI. CoreWeave gilt damit als einer der wenigen reinen „KI-Plays“ an der Börse. Sein Schicksal hat Symbolkraft für die gesamte Branche. Vor allem die hohen Schulden, mit denen Intrator und seine Kollegen ihr Geschäft aufgebläht haben, stoßen Investoren übel auf.

Bereits 2020 betrieb CoreWeave einige Zehntausend GPUs in fünf Rechenzentren. Mittlerweile sind es mehrere Hunderttausend GPUs in 41 Rechenzentren in den USA und Europa. Finanziert wurde dieses Wachstum primär auf Pump. Allein in diesem Jahr dürfte CoreWeave 12 bis 14 Milliarden Dollar vor allem in Rechenzentren und Chips investiert haben – schuldenfinanziert. Der Schuldenberg drückt massiv auf das Ergebnis. Insgesamt rechnet CEO Intrator in diesem Jahr mit Zinszahlungen von bis zu 1,25 Milliarden Dollar.

Analysten, etwa von der US-Investmentfirma Kerrisdale Capital, warnen vor CoreWeave als „Paradebeispiel für die KI-Infrastruktur-Blase“, da das Unternehmen Renditen unterhalb seiner Kapitalkosten erziele. Für sie ist CoreWeaves schuldenfinanziertes GPU-Vermietungsgeschäft „ohne Wettbewerbsvorteil“, behaftet mit einer „gefährlichen Kundenkonzentration, schwacher Preissetzungsmacht und schwindender Relevanz“, da Hyperscaler wie Google oder Meta ihre eigene Infrastruktur skalieren.

Wie lange werden Investoren CoreWeave noch Geld leihen? „Kreditgeber sind schlauer als die Eigenkapitalgeber – oder zumindest machen sie sich um das Richtige Sorgen, nämlich darum, ihr Geld zurückzubekommen“, sagt Kim Forrest, Chief Investment Officer bei Bokeh Capital Partners.

CoreWeave zeigt, dass Anleger misstrauischer werden. Es wird aussortiert. Die Frage ist nur, ob das geordnet geschieht – oder ob es ein Ereignis gibt, das Panik auslöst.

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