Der teure Blick auf die falschen Aktien
Auf dem Höhepunkt der Iran-Krise habe ich meine Chance genutzt und meine BASF-Aktien verkauft. Ich hatte vor ein paar Jahren angefangen, eine kleinere Position aufzubauen, angelockt von einer hohen Dividendenrendite von knapp fünf Prozent. Richtig glücklich hatte mich meine Beteiligung aber nie gemacht. Die Kursentwicklung enttäuschte und dann wurde auch noch die Dividende gekürzt. Als die Aktien dann im Zuge der Iran-Krise stiegen – da BASF unter der Blockade der Straße von Hormus kaum litt – verkaufte ich meine Position mit einem kleinen Gewinn.
Jetzt habe ich also ein bisschen Cash übrig, das ich reinvestieren kann. Doch ich mache es nicht – zu meinem eigenen Entsetzen. Überall um mich herum steigen die Kurse, aber ich warte ab. Warum? Ich kann mich nicht von meiner Schnäppchenjäger-Mentalität lösen. Deshalb starre ich die ganze Zeit auf die SAP-Aktie. Es ist einfach zu verlockend. In den letzten zwölf Monaten hat sich die Aktie fast halbiert. Sie notiert inzwischen so tief wie zuletzt 2024.
Auslöser für den Abverkauf ist die Angst vor KI: Wer braucht noch die teure Software von SAP, wenn KI die Arbeit günstiger machen kann? Richtig nachvollziehbar ist die Sorge für mich nicht. Zu tief ist SAP in die Unternehmen integriert, als dass die Programme so einfach zu ersetzen wären.
Allein: Der Markt sieht das anders und natürlich will ich nicht in ein fallendes Messer greifen.
Während ich also auf SAP starre und auf den Turnaround warte, ziehen an mir gute Kaufgelegenheiten vorbei. Ich unterschätze einfach immer wieder, wie stark in manchen Marktphasen das Momentum einiger Aktien ist. Ist eine Aktie um ein paar Prozent in kurzer Zeit gestiegen, winke ich schnell ab und denke: „Die ist zu teuer.“
Dabei ist es doch so: Der „faire Wert“ einer Aktie ist eine Illusion. Selbst wenn Analysten jetzt zum Beispiel für SAP einen deutlich höheren Unternehmenswert errechnen, bringt das dem Anleger wenig, solange der Markt keinen klaren Auslöser (Trigger) für eine Neubewertung (Rerating) erkennt.
Wer eine Aktie kauft, die über Jahre hinweg gefallen ist (wie es bei PayPal der Fall war und jetzt bei SAP), stellt im Grunde zwei riskante Behauptungen auf: Der Anleger behauptet nicht nur zu wissen, dass die Aktie eigentlich mehr wert ist, sondern er spekuliert auch darauf, dass der Rest des Marktes dies nun auch kurzfristig erkennen wird.
Es kann daher deutlich risikoloser sein, zumindest mit einem kurzen Anlagehorizont einfach auf einen fahrenden Zug aufzuspringen und sich nach unten mit einem Trailing Stop-Kurs abzusichern. „The trend is your friend“ ist nicht umsonst ein geflügelter Spruch an der Börse.
Irgendwann wird die SAP-Aktie höchstwahrscheinlich drehen. Ich weiß aber nicht, wann das der Fall sein wird. Bis dahin steigen mit jedem Tag die Opportunitätskosten. Mein Entschluss lautet daher: Es gibt so viele tolle Aktien gerade. Es muss nicht die Turnaround-Story sein.