Der Marktstress und die Dollar-Angst steigen

Der Marktstress und die Dollar-Angst steigen

An den Märkten geht es weiter nach unten. Der Bitcoin fiel nun unter die Schwelle von 90.000 Dollar, Ethereum unter 3000 Dollar. Ich hatte ja gestern geschrieben, dass ich die Kryptowährungen so etwas wie als den „Kanarienvogel der Märkte“ sehe.

Die ersten Kapitalmarktstrategen versuchen sich bereits in Zweckoptimismus. So schreibt Jochen Stanzl, Chefmarktanalyst bei der Consorsbank: „Die Korrektur der Kurse hat auch etwas Gutes: Übertriebener Optimismus bei KI-Aktien wird abgebaut, Übertreibungen, die vorlagen, werden bereinigt. Während der Gesamtmarkt überschaubare Verluste erlitt, sehen wir bei KI-Aktien stellenweise Verluste von über 30 Prozent. Das bedeutet nicht, dass sich der Ausverkauf nicht beschleunigen könnte, wenn der Dax unter 23.000 Punkte fällt. Allerdings könnten die ersten Anleger bereits wieder mit dem Gedanken an eine bald anstehende Kurserholung spielen.“

Solche Durchhalteparolen machen mich eher skeptischer und ehrlicherweise: Wenn man auf den Dax-Chart schaut (siehe oben), dann bewegt sich das Dax seit Monaten eher seitwärts. Das ganze Gerede über neue Rekordstände hat etwas verschleiert, dass die Luft schon länger raus ist. Charttechnisch wäre es jetzt wichtig, dass der Dax die Unterstützungszone bei 23.200 Punkten hält. Wenn er sie durchbricht und unter die Marke von 23.000 Punkten fällt, wäre die nächste nennenswerte Unterstützung bei 22.400 Punkten ungefähr.

Wird nach Zöllen der Dollar das Mittel der Wahl?

Aber genug über die Märkte. Mich erreichte heute früh auch ein interessanter Kommentar der Devisenexperten der Commerzbank. Sie fragen darin, was nach den Zöllen kommt.

Der Grund: Die US-Verwaltung rudert so langsam bei den Zöllen wieder zurück. Eine Vielzahl an Agrarprodukten wurde auf die Liste an Ausnahmen gesetzt, die nicht von den reziproken Zöllen betroffen sind. Dies betrifft beispielsweise Kaffee, Fleisch, Tomaten oder Kokosnüsse. Als Begründung wurde angeführt, dass diese Agrarprodukte nicht ausreichend selbst in den USA für den US-Markt hergestellt werden können und damit der Druck auf die Verbraucher gesenkt werden soll.

Eine bemerkenswerte Wendung. Denn es dürfte den Verantwortlichen auch schon zuvor klar gewesen sein, dass Kokosnüsse beispielsweise nicht gerade zuhauf in den USA wachsen. Und überhaupt: Die Verantwortlichen haben monatelang betont, dass die Zölle nicht die Preise erhöhen, aber eine Senkung der Zölle soll jetzt die Preise senken? Doch was wird dann der Hebel der Wahl für Trump, um seine Ziele durchzusetzen, wenn es nicht die Zölle sind?

Die US-Regierung wird sich dann womöglich nach einem anderen Instrument umschauen müssen. Die Position des US-Dollars als Weltleitwährung könnte hier sehr verlockend sein. Außerhalb Washingtons wird dieses Szenario offenbar so ernst genommen, dass es bereits Überlegungen gibt, wie man darauf reagieren könnte.

Vergangene Woche machte ein Reuters-Artikel die Runde, der davon berichtet, dass EU-Offizielle derzeit prüfen, alternative Dollar-Finanzlinien zu den mit der Fed bestehenden zu schaffen. Die Idee ist, dass sich Zentralbanken außerhalb der USA zusammenschließen und ihre US-Dollar-Bestände "poolen", um auf diese in Zeiten von Stress im Finanzsystem zurückgreifen zu können. Die Sorge besteht wohl darin, dass die Fed etwa die bestehenden Swap-Linien mit einigen Zentralbanken, u.a. der EZB, aufkündigt. Diese sind dafür gedacht, in Krisenzeiten, wenn die Nachfrage nach US-Dollar üblicherweise steigt, genügend Dollar-Liquidität auch außerhalb der USA zur Verfügung zu stellen.

Die Experten der Commerzbank schreiben dazu: „Diese Überlegungen zeigen uns zum einen, dass die US-Administration offensichtlich einen so starken außenpolitischen Bruch geschaffen hat, dass andere Staaten mittlerweile jegliche Abhängigkeit von den USA infrage stellen und keine Mühen scheuen, diese wo möglich zu reduzieren. Zum anderen zeigt sich einmal mehr, dass vor allem die Vormachtstellung des US-Dollars im globalen Finanzsystem als gefährliche Waffe angesehen wird.“ Die Sorgen sind durchaus berechtigt: US-Finanzminister Scott Bessent hat sich wie seine Vorgänger zu einer „Strong Dollar Policy“ bekannt. Damit ist nicht die Politik eines wertstarken Dollars gemeint, sondern die einer Währung mit einer starken globalen Reichweite. Denn genau die erlaubt es der US-Regierung, extraterritoriale Forderungen durchzusetzen.

Insofern sind die Überlegungen der EU-Offiziellen nicht aus der Luft gegriffen. Nur: Dieser „US-Dollar-Pool“ ist kaum die Lösung. Denn er wird niemals ausreichen. Denn jeder Marktteilnehmer weiß natürlich, dass die Mittel endlich sind, und das mindert ihre Wirksamkeit als Backstop. Das Fazit der Commerzbank: „Wie kann man also die Abhängigkeit von der Fed reduzieren? So unangenehm die Antwort auch ist, aber: Eine Abkehr vom US-Dollar als Weltleitwährung wäre die ultimative Lösung.“

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