Das "zweite Wolfsburg" kann zum Gamechanger für VW werden

Das "zweite Wolfsburg" kann zum Gamechanger für VW werden

An der Börse kommt die Aktie von Volkswagen nicht richtig in Fahrt. Der Kurs hat sich zwar stabilisiert, von früheren Höhen ist er jedoch weit entfernt. Anleger sorgen sich um den schleppenden Hochlauf der Elektromobilität in Europa, den harten Wettbewerb in China und den tiefgreifenden Konzernumbau. Sind die Anleger zu pessimistisch? Das legt zumindest eine neue Studie der Deutschen Bank nahe, die mich erreicht hat. Sie zeichnet ein deutlich optimistischeres Bild.

Ausgerechnet in China, zuletzt eher Problemregion als Hoffnungsträger, könnte nach Einschätzung der Analysten zum Hebel für eine Neubewertung der Aktie werden. „Die aktuelle Stimmung unter praktisch jedem Investor, mit dem wir sprechen, geht dahin, dass das China-Geschäft mit Null oder sogar negativ bewertet wird“, heißt es in der Studie. „Diese Erwartungshaltung am absoluten Tiefpunkt schafft ein höchst asymmetrisches Risiko-Rendite-Profil, bei dem jeder greifbare Erfolg dieser tiefgreifenden Lokalisierungsstrategie erheblichen und derzeit nicht eingepreisten Wert freisetzen könnte.“

„Zweites Wolfsburg“ in China

Im Zentrum steht das neue Forschungs- und Entwicklungszentrum im chinesischen Hefei. Dort baut Volkswagen nach Einschätzung der Deutschen Bank faktisch ein „zweites Wolfsburg“ auf. Anders als viele Auslandsstandorte soll Hefei nicht nur Fahrzeuge produzieren, sondern komplette Modelle eigenständig entwickeln, von der Software-Architektur über Tests bis zur finalen Validierung.

Damit würde China für VW nicht länger nur Absatzmarkt sein, sondern auch Innovationsstandort. Die Verantwortung für zentrale Entwicklungsentscheidungen läge künftig stärker vor Ort. Fahrzeuge könnten speziell für chinesische Kundinnen und Kunden konzipiert werden, ohne lange Abstimmungsschleifen mit Deutschland.

Deutliche Kostenvorteile

Ein wesentlicher Vorteil liegt in der Kostenstruktur. Nach Analyse der Deutschen Bank sind Arbeitskosten in China deutlich niedriger als in Deutschland, auch Energiepreise liegen unter europäischem Niveau. Hinzu kommen günstigere Beschaffungskosten für zentrale Komponenten von Elektrofahrzeugen, etwa Batterien, Leistungselektronik oder Infotainment-Systeme.

Lokal entwickelte Modelle könnten dadurch erheblich günstiger produziert werden als bisherige Plattformen, die stark von europäischer Entwicklungsarbeit geprägt sind. In einem Markt, in dem chinesische Hersteller aggressiv über den Preis konkurrieren, wäre das ein wichtiger Wettbewerbsvorteil.

Schneller am Markt

Neben den Kosten spielt vor allem das Tempo eine Rolle. Chinesische Hersteller bringen neue Modelle oft in deutlich kürzeren Zyklen auf den Markt als europäische Autobauer. Wer hier mithalten will, muss Entwicklungszeiten verkürzen.

Mit dem neuen Zentrum in Hefei könnte Volkswagen genau das gelingen. Die Analysten gehen davon aus, dass lokale Entwicklung, parallele Testprozesse und direkte Einbindung chinesischer Zulieferer die Markteinführung neuer Modelle von bisher über vier Jahren in Deutschland, auf ungefähr zwei bis zweieinhalb Jahre in China. 

China bleibt Schlüsselmarkt

Trotz zuletzt rückläufiger Verkaufszahlen bleibt China einer der wichtigsten Einzelmärkte für Volkswagen. Ein Rückzug wäre für den Konzern kaum vorstellbar. Stattdessen setzt VW auf eine konsequente „In China für China“-Strategie: Fahrzeuge sollen stärker auf lokale Bedürfnisse zugeschnitten werden, Softwarefunktionen schneller angepasst werden und technologische Partnerschaften mit chinesischen Unternehmen vertieft werden. Durch die gesunkenen Kosten könnte Volkswagen auch seine Marge in China erhöhen. 

Warum die Deutsche Bank die Aktie empfiehlt

Aus Sicht der Deutschen Bank liegt genau hier die Börsenchance. Viele Investoren bewerten das China-Geschäft derzeit äußerst vorsichtig. In der aktuellen Aktienbewertung spiele es kaum noch eine positive Rolle.

Sollte sich jedoch zeigen, dass das neue Entwicklungsmodell in Hefei greift und die Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig verbessert, könnte das bislang nicht eingepreistes Kurspotenzial freisetzen. Die Analysten bekräftigen daher ihre Kaufempfehlung für die VW-Aktie und sehen Aufwärtsspielraum.

Natürlich bleiben Unsicherheiten. Der Wettbewerbsdruck in China ist hoch, Preiskämpfe sind an der Tagesordnung. Gleichzeitig läuft in Europa ein tiefgreifender Umbau mit Sparprogrammen und Effizienzmaßnahmen.

Dennoch argumentiert die Deutsche Bank: Gerade, weil viele Marktteilnehmer das China-Geschäft inzwischen sehr skeptisch bewerten, könnte jeder strategische Fortschritt dort einen überproportionalen Effekt auf den Aktienkurs haben.

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