"Code Red": Drei Jahre nach Start von ChatGPT muss OpenAI kämpfen
OpenAI galt lange als Synonym für den unaufhaltsamen Siegeszug künstlicher Intelligenz. Doch ausgerechnet das Unternehmen, das die KI-Revolution losgetreten hat, befindet sich nun selbst im Krisenmodus. CEO Sam Altman hat den „Code Red“ ausgerufen – und das aus gutem Grund. Die Risiken, vor denen OpenAI steht, sind nicht nur operativ. Sie sind existenziell. Die Probleme bei der ChatGPT-Mutter zeigen, wie dynamisch die KI-Entwicklung gerade verläuft. Niemand sollte sich zu sicher sein und auch wer vorne liegt, kann immer noch verlieren.
Problem eins: Das Abo-Wachstum lässt nach
Die größte Überraschung ist vielleicht, wie schnell das Abo-Geschäft an Schwung verloren hat. Nach einem beispiellosen Nutzeranstieg in den Vorjahren stagniert die Zahlungsbereitschaft weltweit. In Europa ist das Wachstum praktisch zum Erliegen gekommen, global zahlen nur etwa fünf Prozent der Nutzer für den Dienst.

Das wäre für jedes Tech-Unternehmen ein Problem – für OpenAI ist es ein Alarmsignal. Denn wenn ein milliardenschweres Modell hauptsächlich gratis genutzt wird, ist die Rechnung simpel: Je erfolgreicher das Produkt, desto höher die Kosten. Und genau das passiert gerade.
Problem zwei: Die Konkurrenz schläft nicht
Google, Meta, Anthropic, xAI: Alle haben aufgeholt. Einige haben OpenAI bereits überholt. Mit Gemini 3 ist Google technologisch wieder in Schlagdistanz – oder sogar voraus. Das Wachstum ist deutlich stärker als bei ChatGPT.

Gleichzeitig wächst der Druck von unten. Open-Source-Modelle werden schneller, besser, billiger. Und was in der Tech-Branche „gut genug“ ist, entscheidet selten der Entwickler – sondern der Kunden. OpenAI, das mit immerhin 500 Milliarden Dollar bewertet ist, muss jetzt um jeden Millimeter Differenzierung kämpfen.
Problem drei: Zu hohe Kosten
Die Zahlen sind brutal: Für das laufende Jahr wird ein Verlust von rund neun Milliarden Dollar erwartet, wie das „Wall Street Journal“ (WSJ) unter Verweis auf interne Unterlagen von OpenAI schrieb. Die geplanten Ausgaben von 22 Milliarden Dollar übersteigen die Einnahmen von 13 Milliarden Dollar deutlich.
Die Dimensionen zeigen sich vor allem im Vergleich zu Anthropic. Laut dem WSJ-Bericht würde OpenAI etwa 14-mal so viel Geld verbrennen wie Anthropic, bevor es 2030 seinen ersten Gewinn erzielen würde. Anthropic, das 80 Prozent seiner Einnahmen aus Unternehmenskunden erzielt, rechnet laut dem Bericht damit, in diesem Jahr fast drei Milliarden Dollar bei einem Umsatz von 4,2 Milliarden Dollar zu verbrennen. In 2028 will der Entwickler des Modells Claude Gewinn erzielen.

Der Begriff „Compute Competition“ beschreibt den Kampf um Rechenleistung – aber er kaschiert auch ein strukturelles Problem: Im Gegensatz zu den kapitalarmen Shootingstars der Dotcom-Ära ist OpenAI auf hohe Investitionen angewiesen, um sein Wachstum voranzutreiben. Die Hyperscaler – Amazon, Microsoft, Google, Oracle und Meta – haben angekündigt, in diesem Jahr mehr als 400 Milliarden Dollar in die Kapazität von Rechenzentren zu investieren, fast doppelt so viel wie im Vorjahr. OpenAI spielt in einem Markt, in dem die größten Konkurrenten nicht auf externes Kapital angewiesen sind. Sie finanzieren ihre KI-Infrastruktur quasi aus dem laufenden Cashflow. OpenAI nicht.
Niemand kann sich sicher sein
Altman reagiert auf die Probleme, indem er Ressourcen in die Entwicklung von ChatGPT umleitet und dafür zum Beispiel die Entwicklung von KI-Agenten erst einmal zurückstellt. Es ist der richtige Schritt: ChatGPT ist die Marke, der Zugang zum Massenmarkt, das Herzstück der Wahrnehmung.
Gleichzeitig versucht Altman, neue Einnahmequellen zu erschließen. Nachdem er öffentlich über die Zulassung von Werbung auf ChatGPT nachgedacht hatte, scheint das Unternehmen nun verschiedene Arten von Anzeigen zu testen. Eine Version der neuen ChatGPT Android App enthält verborgenen Code, der auf eine „ads feature“ und eine „search ad“ verweisen. OpenAI kündigte ebenfalls Pläne an, Beschränkungen zu lockern, um erotische Inhalte für verifizierte erwachsene Nutzer zuzulassen. Es laufen auch Gespräche zu Partnerschaften und Kooperation
Die KI-Revolution ist in vollem Gange – aber ihr Vorreiter rutscht in eine gefährliche Zwischenposition. Noch ist OpenAI Marktführer. Aber das Fenster schließt sich. Wenn das Unternehmen den „Code Red“ nicht als Wendepunkt nutzt, könnte es bald nur noch einer von vielen KI-Anbietern sein – statt der Taktgeber einer ganzen Ära.